








Seit rund drei Monaten arbeite ich nun schon als Hilfkraft in einem Kindergarten, wo ich mich zur Hauptsache mit Akim, einem sechsjährigen, autistischen Jungen beschäftige. Zeit eine kurze Bilanz zu ziehen.
Im Kindergarten arbeite ich hauptsächlich mit vier Personen zusammen, den beiden rund vierzigjährigen Erzieherinnen Natalja Genadina und Vera Ivanovna sowie deren Helferin Tatjana Genadina, welche unsere rund 30-köpfige Gruppe betreuen und der rund 20-jährigen Psychologin Tanja. Neben diesen gibt es noch die Erzieherinnen anderer Gruppen, je eine Mathematik-, Musik-, Sport- und Zeichenlehrerin sowie technisches und Verwaltungs-Personal.
Mit dieser Besetzung läuft jeder Kindergartentag prinzipiell sehr ähnlich ab. Nach dem Frühstück um halb neun, welches im gruppeneigenen Spiel- und Esszimmer eingenommen wird, begibt sich die Gruppe ins Schlafzimmer zum ‘utrennij sbor’, der morgendlichen Versammlung. Dort sollten die Kinder ruhig in einem Kreis sitzen, sich begrüssen, den Tagesablauf anhören und meist einige Fragen beantworten. Sehr ulkig sind dabei die Antworten der Kleinen. Auf ‘Was ist heute für ein Tag?’ kann gut ein ‘Winter’, ‘März’ oder ‘Sonntag’ kommen und bei den Monaten tippen sie auch gerne mal ein halbes Jahr daneben.
Nach der meist hektischen Versammlung folgt der Rest des sehr strikten Tagesablaufs: in wechselnder Abfolge Mathematik-, Musik-, Sport- und Zeichenstunden, Spazieren im Hof des Kindergartens, Mittagessen, Mittagsschlaf. Dies alles wird durchbrochen von kurzen Aufenthalten im Gruppenzimmer ohne fixes Programm, während deren die Kinder machen können, was sie wollen: einige zeichnen, andere spielen etwas und manche wissen nichts mit sich selbst anzufangen und machen darum Radau. Alle Ernsthaftigkeit und Strenge nützt nichts, wenn diese Rasselbande in Fahrt kommt. Sei einfacher gewesen früher, meinen meine Arbeitskolleginnen, mit ruhigeren, folgsameren Kindern.
Am Rande dieses Geschehens nun bewege ich mich mit Akim. Wann immer möglich und von den Erzieherinnen zugelassen, versuche ich mit Akim das Tagesprogramm mitzumachen. Eine längere, wirklich konzentrierte Beschäftigung ist mit ihm aber in der Gruppe meist unmöglich, da seine Aufmerksamkeit zu leicht abgelenkt wird, er zu gut andere ignorieren kann und Lärm und Hektik generell nicht mag. Für die Lehrerinnen selbst ist es aufgrund der grossen Anzahl Kinder unmöglich, Akim die Aufmerksamkeit zu schenken, die er benötigen würde – schliesslich sind die anderen Kinder auch nicht alle brave Schäfchen.
So verbringen wir die meiste Zeit beim Spielen, d.h. Akim spielt, meist mit einem Spielzeugauto, mit welchem er durch den Raum oder den Hof flitzt, und ich schaue, dass er dabei nichts Dummes anstellt. Aktiv mit jemand anderem spielt er nicht und lässt er sich bisher auch nicht zu neuen Spielen anregen. Darum und wohl auch, da er nicht spricht und meist ziemlich wirr vor sich hin plappert oder singt haben sich bisher auch noch keine Freundschaften mit anderen Kindern gebildet. Diese akzeptieren ihn zwar grösstenteils, versuchen aber nur selten, ihn in ihre Spiele einzubeziehen.
Bei mitterweile schönem Frühlingswetter spielen wir nun meist den ganzen Morgen im Hof, wobei hier ‘spielen’ für Akim mit ‘rumrennen’ gleichzusetzen ist. Beschäftigen sonst alle Kinder der vier Gruppen in ihrem Viertel des Hofes, flitzt Akim wie ein Wilder von einer Seite zur anderen und versucht, auf alle möglichen verbotenen Objekte (Feuertreppen und ähnliches) zu klettern. Das Wort ‘verboten’ zu verstehen üben wir noch. Verbiete ich ihm etwas (kommt im Fünfminutentakt vor), kreischt er, hüpft rum, lässt sich auf den Boden fallen und versucht abzuhauen und es erneut zu probieren. Zwischendurch setze ich ihn an einen Sandkasten und manchmal beschäftigt er sich dort für einige Minuten.
Gut an den Aufenhalten im Hof ist, dass Akim dort nicht mehr dauernd durch seine Zahlenfixierung abgelenkt wird. In Gruppenraum hat er oft im mehrmals pro Stunde machanisch alle (nummerierten) Handtücher der Kinder durchgezählt, wobei er nicht über zehn zählen kann und 15 zu eins-fünf (32 zu zwei-drei; die kleinere Zahl zuerst) wird. Stoppe ich ihn dabei, tobt er rum, bis ich ihn zuende zählen lasse. Auch Ziffern an den Wänden oder Uhren zählt er sehr oft mechanisch durch, wozu er auch oft anderen Beschäftigung abbricht und nicht mehr wieder aufnimmt.
Am meisten profitiert Akim vermutlich von den Sitzungen mit der Psychologin, welche sich mit grosser Ausdauer neue Ausgaben für ihn ausdenkt, welche er an weniger guten Tagen einfach in Schreien und Toben untergehen lässt, an guten Tagen manchmal widerwillig mitmacht. Auch eine Logopädin beschäftig sich von Zeit zu Zeit mit Akim; im Moment versucht sie ihm beizubringen, einem anzuschauen, wenn man mit ihm spricht. Daran arbeite ich auch schon eine Weile.
Die letzten drei Monate haben zwar aus Akim noch keinen Musterschüler und aus mir noch keinen Pädagogen gemacht; ich glaube aber, wir profitieren beide von unseren gemeinsamen Morgen und zwischendurch macht uns das ganze trotz der Rennerei und Verbieterei auch mal richtig Spass. Und dass das einzige Wort, welches Akim neben Zahlen regelmässig sagt, ‘Sascha’ ist, deute ich auch nicht als allzu schlechtes Zeichen.
Anmerkung: aufgrund meines mangelhaften Wissens und meiner verschwommenen Erinnerungen konnte ich leider keine Vergleiche mit Kindergärten in der Schweiz und den dortigen Gepflogenheiten bezüglich der Integration von Behinderten ziehen kann. Gerne nehme ich jedoch Eure Erfahrungsberichte oder Anregungen für den Umgang mit Akim als Kommentare oder per Mail an ale(at)sirruf.net entgegen.