Archiv für den Monat Mai 2006
Vodka im Schnee
Zu Besuch in Nishnij Novgorod
Nishnij Nowgorod ist die viertgrösste russische Stadt (1.5 Mio Einwohner) und liegt rund 600km (18 Zugstunden) nordwestlich Samaras an der Einmündung des Flusses Oka in die Volga. In der Sowjetzeit wurde Nishnij wie viele andere Städte umbenannt (Samara hiess damals z.B. Kubishev) und hiess so von 1932 bis 1991 Gorkij, zu Ehren des Schriftstellers Maxim Gorki. Auch heute noch findet man die Stadt im Zugfahrplan unter diesem Namen und nicht unter dem 1991 wieder eingeführten Nishnij Novgorod – das bedeutet übrigens einfach ‘untere neue Stadt’.
Im Russischen Reich hatte sich Nishnji im 19. Jahrhundert als wichtigste Messe- und Handelstadt etabliert, wovon heute noch ein beeindruckendes Messegebäude in der Nähe des Moskauer Bauhnhofs zeugt. Im Zuge des Industrialisierung entwickelten sich weitere Wirtschaftszweige und die Stadt wurde zu Beginn des 20.Jahrhunderts auch eines der wichtigsten Industriezentren des Landes.
Wie Samara auch war Nishnij seit den 1930er Jahren eine ‘geschlossenen Stadt’, die von Ausländern nicht besucht werden durfte. Grund dafür waren die lokalen Rüstungsbetriebe, in denen unter anderem Atom-U-Boote, Kampfflugzeuge (etwa die MiG-29 oder die MiG-31) und Panzer produziert wurden (Samara: Flugzeug- und Raumfahrt-Industrie). 1992 wurde dieser spezielle Status aufgehoben.
Heute ist Nishnij eine geschäftige, saubere Handels- und Industriestadt, in welcher man sich weit weniger als in Samara in der Provinz fühlt. Vieles scheint ein wenig europäischer: die Kleidung der Leute (weniger Adidas, weniger High Heels), das Strassenbild (weniger Werbung und schriller Kommerz) und Stadtplanung (Einkauscenter im Stadtkern, Fussgängerzonen). Die grössten Arbeitgeber der Stadt sind der Automobilhersteller ‘GAZ’, Hersteller u.a. der Limousine ‘Volga’ und der Minibusse ‘GAZel’ und die Werft ‘Krasnoje Sormowo’, die unter anderem U-Boote der Kilo-Klasse baut.
Zentrum der auf einem Hügel gelegenen Altstadt ist der mächtige Kreml (das bedeutet Stadtfestung) aus rotem Ziegelstein, gebaut 1508 bis 1511. Im Innern der Festungsmauern befinden sich heute vor allem (nicht besonders spannende) Verwaltungsgebäude aber auch die Kathedrale des Erzengels Michael, trotz grossem Namen eine winzige, jedoch sehr hübsche Kapelle. Auch im Rest der Stadt gibt es auffällig viele Kirchen und verschiedene Klöster. Während der Sowjetzeit waren allerdings nur vier Kirchen als solche geöffnet, die restlichen wurden als Biblitheken, Lagerräume und dergleichen genutzt.
95-Prozentiger am Kiosk
Neulich in den Lokal-Nachrichten von TV Rossija: die Milizia (Polizei) hatte in einem etwas anrüchigen Quartier von Samara (Kirova) entdeckt, dass ein Kiosk medizinischen Alkohol zu Genusszwecken verkaufte. Den Deziliter 95%igen zu 10 Rubel (0.5 CHF, 0.3 Euro). Natürlich vollkommen illegal sowas, darum wurde die Operation sofort verboten. Der Kiosk selbst wurde nicht geschlossen, er musste aber eine Busse bezahlen, welche laut Bericht dem Tagesumsatz mit dem verbotenen Stoff entsprach. Die Besitzer des Kiosks zeigten sich im Interview denn auch nicht reuig, gleich wenig wie ein Kunde, welcher auf die Frage, warum er das Zeug gekauft habe meinte, manchmal helfe dieses eben, enn alles andere nichts mehr nütze. Der Komandant der Milizia zeigte sich zufrieden mit der Operation – es schien als sei alles Böse aus Samara vertrieben. Alle anderen Fernsehsender zeigten ähnliche Beiträge in ihren Nachrichten, fast die gleichen Interviews und das selbe Fazit: Samara ist jetzt wieder sauber.
Ich dachte mir danach “schon krass, verkaufen die doch tatsächlich sowas gefährliches an einem Kiosk. Kann sich ja einer umbringen damit! Zum Glück haben sie das jetzt verboten und das Zeug ist nicht mehr erhältlich.”
In den Tagen danach fielen mir dann am Strassenrand des öfteren kleine Flaschen auf: 90 bis 95% Alkohol in 1dl Flaschen. Die Fläschchen fanden sich in der ganzen Stadt, in jedem Stadtbezirk und – das zeigte sich etwas später – auch in Saratov und Nishnij, wenn auch nicht im selben Ausmass. Trinken sehen hab ich den allerdings Stoff noch niemanden. Zum Abschminken nach der Theaterprobe werden es die Käufer aber wohl kaum brauchen.
Und es gibt ihn doch, den Kwas
Kwas und Medok aus Tankwagen auf der Strasse? Hab ich noch nicht gesehen. Dafür gibt es das Zeug als Softdrink im Supermarkt. Kwas schmeckt dort wie angesäuertes Spülmittel mit Kohlensäure, Medok wie Rexona Sportfrisch.
Was im Dezember stimmte – es gab damals wirklich nirgends Tankwagen mit diesen Getraenken auf der Strasse – muss seit dem Anbruch des Fruehlings revidiert werden: an jede Strassenecke wird in Samara nun Kwas (Medok hab ich noch nicht entdeckt) verkauft. Industrieller Kwas aus Tankwagen und schicken Verkaufsstaenden mit Zapfsaeule oder von Babuschkas zuhause selbst hergestellter in allerlei Flaschen und Behaeltnissen. Das Getraenk ist vor allem kalt sehr erfrischend und eine gute Alternative zu Bier – oder zu Kola. Kwas – eto ne kola!

