Und noch ein paar Tage mehr

Was soll das alles? Nach dem Zwischenstand ‘Reise nach Moskau wird noetig’ und ‘die Dokumente werden dem Abteilungsleiter vorgelegt’ passierte erneut einige Tage nichts.

Tag 21: Donnerstag rief ich also wieder den Zoll an, sprach mit Tatjana Chita und rang ihr ein Versprechen ab, Elena anzurufen. Machte sie aber nicht.

Tag 25: Montag darauf rief dann Elena selbst beim Zoll an, was die erfreuliche Meldung ergab, die Sendung koennte bald freigegeben werden, ich muesste nur noch meine Rechnung begleichen. Wieviel? 16800 Rubel. Das sind 778 CHF oder 495 EUR. Warum so viel? Sie haetten halt den Wert des Pakets in Dollar gerechnet, d.h. 2800 Dollar anstelle von 2800 CHF. Ausserdem zaehlt sich auch die Tagespauschale des Zolls langsam. Man werde auf jeden Fall per Post eine Rechnung senden. Die schweizer Post versprach immerhin, eine detaillierte Abrechnung zu verlangen.

Tag 26: Tags darauf dann wieder ein Rueckschlag. Die Rechnung kam nicht, dafuer ein Anruf des Zolls. Mein Bruder Philipp, der Sender des Pakets, muesse einen Brief verfassen und an Frau Chita senden, um zu erklaeren, dass das Paket nicht an Swallows als Firma, sondern an mich als Privatperson geht. Hatten wir das nicht schon mal? Trotzdem wurde dieser Brief geschrieben und gefaxt. Die schweizer Post leitete darauf den Fall (dazu ist die Sache mittlerweile geworden) an einen internen Krisenstab weiter.

Tag 28: Die Neuigkeiten, 20 Jahre und ein Tag nach Tschernobyl: der Krisenstab der schweizer Post findet, die Lage sei aussichtslos. Der Zoll werde nicht davon abzubringen sein, dass ich ein Angestellter von Swallows bin. Er schlaegt vor, das Paket zurueckzuziehen und es erneut an eine andere Adresse zu senden. Die Leute vom Zoll ihrerseits meinen, die Auslieferpapiere seien bei Elena und wir muessten diese nur noch ausfuellen. Leider hat diese nichts erhalten – wir hoffen weiter.

19 Tage im Zoll

Tu mal was! Anstelle von sieben Monate in Samara (das hab ich gestern gefeiert) und aufgrund der traurigen Tatsache, dass der Halbjahresreport auf meinem alten PC stecken geblieben ist, hier ein kleiner Zwischenbericht zum Thema ‘warum man einen Computer nicht mit der Post nach Russland schicken sollte’.

Wer ein Weblog fuehrt und Kontakt zur Aussenwelt bewahren moechte, der braucht einen Computer, klar. Darum haben wir nach der Milch-Havarie einmal tief durchgeatmet, aus allen Sparbuechsen, alten Winterjacken und Handtaschen das Kleingeld zusammengekramt und einen neuen PC gekauft. In der Schweiz. Das Ding wurde Ende Maerz dem Kurierdienst TNT uebergeben, welcher das Paket (Nummer 184383097; wer den Trackingservice ausprobieren moechte) innerhalb von 36 Stunden nach Moskau befoerderte.

Tag 1: Am 31. Maerz schaltete der Status dann aber auf “Sendung Befindet Sich Im Zoll” und es passierte erst mal gar nichts mehr.

Tag 4: Am Montag darauf erhielt ich waehrend einem Spaziergang an der Volga einen Anruf von einer Person, welche nur Russisch sprach. Leider verstand ich nur, dass es um mein Paket ging, dann brach die Verbindung ab. Rueckruf nicht moeglich da Nummer unbekannt. Einen zweiten Anruf gab es nicht.

Tag 5: Am Dienstag rief ich die Hotline des russischen Zolls an und versuchte auf Russisch, das Problem zu eroertern. Man verwies mich an eine Nummer in Samara und nannte mir auch eine lokale Adresse. Leider nahm dort nie jemand das Telefon ab, weshalb ich fast hingefahren waere. Fast, da Elena von Swallows gleichzeitig ein gutes Dutzend Telefonate fuehrte und es schaffte, sich soweit durchzufragen, dass wir die Nummer einer Zustaendigen (Tatjana Chita) erhielten. Zur gleichen Zeit machte der Sender des Paketes, mein Bruder Philipp, bei TNT Schweiz Druck, was ebenfalls die Nummer dieser Tatjana leiferte. Leider liess sich diese nicht erreichen.

Tag 7: Zwischenzeitlich lieferte TNT Schweiz als Problemgrund, man koennte mich zur Klaerung einiger Details nicht erreichen. Diese Erkenntnis erreichte mich allerdings erfolgreich auf meinem Mobiltelefon.

Tag 9: Erneute Anrufe beim Zoll ergaben am Freitag darauf (das war schon der 8. April) ein Versprechen, dass Tatjana, welche nur Russisch spricht, der Einfachheit halber Elena anrufen wuerde. Dies tat sie auch, leider brach das Gespraech aber nach Sekunden ab und ein Rueckruf war erneut erfolglos. Ein weiterer Anruf lieferte die Erkenntnis, dass Tatjana krank geworden sei (innerhalb von 3 Stunden) und nun eine Assja die Sendung bearbeite. Assja wuerde anrufen. Tat sie aber nicht.

Tag 12: Ein Telefonat mit dem Zoll am 11. April lieferte das Versprechen, dass Assja wirklich zurueckrufen wuerde. Tat sie aber nicht.

Tag 14: Am 13. April dann die Meldung aus der Schweiz: es gaebe eine neue Zuestaendige beim Zoll. Name: Elena Trushkina. Das ist Elena von Swallows. Ich rief also langsam leicht entnervt erneut den Zoll an und gab nochmals eine Reihe von Telefonnummern durch… UND SIE RIEFEN AN.

Resultat: der Zoll hat mich als Mitglied einer Firma identifiziert, was fuer die Auslieferung des Pakets neben der Zahlung von Zoll und Mehrwertsteuer neun offizielle Dokumente noetig machen wuerde. Dieser Irrtum wurde schnell telefonisch geklaert, was aber natuerlich zu wenig verbindlich war. Der Zoll faxte also die dem Paket beigelegte formale Handelsrechnung, welche in Deutsch, Franzoesisch und Englisch Sender, Empfaenger und Inhalt der Sendung auflistete. Dieses Papier musste auf Russisch uebersetzt werden, d.h. Elena uebersetzte Dinge wie Sender, Receiver oder Telephone Number auf Russisch und dazu auch noch das ganze juristische Kleingedruckte. Dann zurueck zum Zoll mit den Dokumenten. Was wir zudem erfuhren: der Zoll wird mir fuer jeden Tag, waehrend dessen das Paket in seinen Handen liegt, eine Strafgebuehr in Rechnung stellen. Auch nett.

Tag 18: Bis am Dienstag passierte dann erst mal wieder nichts. Ich fuehrte ein erneutes Telefonat mit dem Zoll, beklagte mich etwas und beharrte auf beschleunigte Behandlung, was mir die Nummer des Secretary of Customs einbrachte. Diesen rief ich an, in der Meinung, er sei was in Richtung Abteilungsleiter. Nach einigem hin und her meinte er, zustaendig sei Tatjana Chita, welche in zwei Minuten anrufen wuerde. UND SIE RIEF AN.

Resultat: Elena verfasste einige neue Dokumente (Inhalt mir unbekannt), welche gefaxt und dem Zollvorsteher vorgelegt wuerden. Dieser wuerde vermutlich den Status des Paketes von geschaeftlich auf privat abaendern, was die Herausgabe des Paketes erleichterte. Allerdings, so der Zusatz, wuerde ich vermutlich fuer die erfolgreiche Herausgabe eine Registrierung in Moskau benoetigen.

Was ist eine Registrierung? In Russland muss man sich nach Ankunft im Land innerhalb von zwei Tagen bei einer Behoerde melden, welche einem fuer eine gewisse Periode (meist entsprechend dem Visum) eine offizielles Dokument, die Registrierung ausstellt, welche Wohnort und Adresse auflistet. Dieser Prozess wiederholt sich jedes Mal, wenn man laenger als zwei Naechte an einem Ort bleibt. Registrieren lassen kann man sich durch ein Hotel oder, wenn ein Wohnungs- oder Hausbesitzer fuer einen buergt. Ich bin im Moment durch den Wohnungsbesitzer meiner Wohnung in Samara registriert.

Konkret: der Zoll schlaegt vor, dass ich nach Moskau reise, mich dort in einem Hotel registrieren lassen – und dann? Unklar.

Tag 19: Aktueller Stand: “Held Customs – awaiting Clearance Instructions From Receiver”

Ein Monat im Jammertal

Es war einmal im Jammertal Wer in den letzten Wochen das Gefuehl gekriegt hat, ich sei in Samara nur noch am Einkaufen, der irrt – der irrt leider! Da mein Laptop eine Milchdusche nicht ueberstand und sich der Ersatz in den Krallen des russischen Zolls befindet, warten neue Beitraege – zum Beispiel ueber das Ende des Winters und den angebrochenen Fruehling – in meinem Kopf und meiner Kamera auf Weiterbearbeitung. Mit etwas Glueck sollte das neue Geraet aber demnaechst eintreffen und entsprechend Neuigkeiten nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen.

Hallo mpio F700

Pfui apple, pfui! Wieder einmal hat ein ipod den Geist aufgegeben (Apple, apple, warum bloss?). Da eine bis drei Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln ohne Musik nicht auszuhalten sind, musste schnellstmöglich ein Ersatz her. Anhand des Preises, der Bekanntheit der Marke und des Aussehens entschied ich mich in einem der vielen Elektrogeräte-Grossverteiler rasch für ein neues Gerät. Bei Elektro-Grossverteiler denke man an Mediamarkt, Saturn oder Interdiscount. Diese Geschäfte sind hier sehr weit verbreitet und durch intensive Plakat-, Zeitungs- und FernsehWerbung in der Öffentlichkeit stark präsent. Die Russen scheinen ihr Geld lieber in neue Fernseher, Kühlschränke und Mobiltelefone zu investieren als auf die hohe Kante zu legen – bei den Erfahrungen der letzten 20 Jahre ist dies natürlich kein Wunder. Aber zurück zum mp3-Player Kauf: ein solcher funktioniert hier nicht wie Zuhause nach dem Muster ‘aus dem Gestell nehmen, bezahlen, nach Hause gehen’. Das ist in Russland natürlich alles ein bisschen komplizierter.

Zuerst musste ich das Gerät bei einem Verkäufer anfordern, welcher es mir unbedingt detailliert vorführen wollte. Dies abgelehnt, setzten wir uns zusammen an einen Computer, wo nach aufwändigem Erfassen von Personalien und verschiedenen Pass- und Visa-Nummern schliesslich eine Rechnung ausgedruckt wurde. Diese beglich ich an einer Kasse in einem anderen Raum und durfte anschliessend an einer Art Ausgabeschalter auf mein Gerät warten. Nach Vorweisen der Quittung packte ein ‘Techniker’ das Gerät erneut aus und führte mir dieses nochmals vor. Die gleiche Kontroll-Prozedur wird natürlich auch beim Kauf jedweder anderer Geräte durchgeführt. Auch ein Mikrowellengerät, eine Waschmaschine oder ein Wasserkocher werden eingesteckt und vorgeführt, um zu beweisen, dass sie wirklich funktionstüchtig sind. Nachdem ich mich davon überzeugen konnte, dass mein zukünftiger Player auch wirklich funktionierte, notierte der Techniker alle am Gerät aufgebrachten Serien- oder Typennummern und stempelte diverse Garantiescheine und Quittungen ab, welche ich wieder unterschreiben und mit Passnummern versehen musste. Neben mir kaufte jemand gleichzeitig einen Computer, wo nach dem Testen der einzelnen Komponenten tatsächlich jedes einzelne Bauteil (DVD-Laufwerk, Festplatte, Grafikkarte usw.) notiert, registriert und verbrieft wurde. Misstrauische Kunden treffen auf misstrauische Verkäufer!

Nach rund 45 Minuten konnte schliesslich den Laden als glücklicher Besitzer eines mpio FY700 verlassen. Der Kauf eines Mobiltelefons im September dauerte etwas weniger lang, um unseren Fernseher zu erstehen brauchten wir eine gute Stunde, da sich jemand vor uns eine aufwändige Auto-Stereoanlage vorführen liess.

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