Hallo Smena M8, hallo FED-2!

Die Smena M8 Neulich auf dem Markt schaute ich mir beiläufig die Auslagen der Trödelhändler an, welche auf alten Decken im Schnee ausgebreitet waren. Da zwinkerten mir unverhofft zwischen alten Computer-Bauteilen, sovjetischen Orden und ‘Moskva 1980′ Pins zwei russische Lomo Kameras zu. Eigentlich brauchte ich nicht noch eine russische Kamera. Wer macht schon noch echte Fotos auf Film?

Die FED-2 Da aber die Tasche des einen Modells sehr ähnlich aussah, wie diejenige meiner Smena Symbol nahm ich die Kamera neugierig in die Hand und öffnete das Etui, ohne Kaufabsichten zu haben. Da sagte der Verkäufer unerwarteterweise ’20 Rubel’. Ich meinte, mich verhört zu haben, erhielt aber auf Nachfrage die selbe Antwort. Aha. 20 Rubel. Für eine Smena 8M, ein noch älteres Modell als die Symbol. Als ich mir die zweite Kamera, eine quasi-antike FED-2 greife, meint der Typ ’50 für beide zusammen’. 50 Rubel? Das sind weniger als 2 Euro! Hätte ich die Kameras etwa im Schnee liegen lassen sollen?

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Knishni Rinok – der Büchermarkt

Enemy of the Music Business Unterhaltung ist alles, auch in Russland. Das Unterhaltungsbedürfnis der Leute ist enorm, ebenso wie der Druck, dieses mit internationalen Produktionen zu befriedigen. Stellt man aber den Fernseher (oder das Radio) an, bietet sich einem das gleiche Bild wie Zuhause: auf jedem Sender und zu jeder Tageszeit seift einem von Werbung durchsetzte Massenware das Gehirn ein. Amerikanische B-Movies und Soaps, Reality Shows, Richter-, Heimwerker-, Kochsendungen, Putin-lastige News und ein paar kuriose Sovjetfilme.

Überbrückt man in westlichen Gefilden das mangelhafte Angebot von Rundfunk und Fernsehen (und der lokalen Film- und Plattenläden mit ihren überhöhten Preisen) gerne mit fast kostenlosen P2P Downloads, verhindern russische Provider solcherlei recht effizient, indem sie neben der Verbindungsgebühr auch jedes Megabite (mb) Traffic in Rechnung stellen. Mit zwei bis sechs Rubeln pro mb kostet der Download einer CD (eines Albums; ca. 60mb) mindestens 120 Rubel (ca. 3.5 Euro/6 sFr), ein Film (meist 700mb) mindestens 1400 Rubel (40 Euro/60 sFr). Ziemlich wirksame Anti-Piraterie.

Wie weiter also? Etwa Originale kaufen? Vergleicht man die (international relativ homogenen) Preise der gängigen Unterhaltungsmedien mit den lokalen Einkommen, merkt man, dass sich Russen diese nie legal erstehen könnten. Zum Glück für die Russen ist aber die örtliche Raubkopier-Branche sehr gut organisiert. Wie bereits anhand der Königin aller Piraterie-Medien, der 8in1 DVD beschrieben, scheinen Urheberrechte in Russland nicht allzu vehement durchgesetzt zu werden. An jeder Strassenecke kann man günstig raubkopierte Filme, Musik und Software erstehen.

Ergänzend zu den Verkaufsständen auf der Strasse findet in Samara jedes Wochenende ein grösserer Freiluft-Markt statt, der Knishni Rynok (Büchermarkt). Anders als der Name und die im Marktareal noch vorhandenen Wegweiser erahnen lassen, werden auf dem Knishni Rynok heute keine Bücher mehr angeboten, sondern ausschliesslich Filme, Musik und Software. Die Händler bieten Raubkopiertes (und ganz wenige Originale) in verschiedenen Qualitätsstufen an. Bei der Musik reicht dieses von der selbstgebrannten mp3-CDR mit schwarz/weiss kopiertem Cover bis zu luxuriös gestalteten Sammel-Editionen mit Covers in Gold-Prägedruck und hübschen Booklets. Und gerade bei Musik ist auch das Angebot recht überraschend. So fand ich zum Beispiel die komplette Diskographie von Atom Heart auf zwei mp3-CDRs – nicht gerade ein Hitparaden-Künstler und Zuhause wohl nicht ganz einfach zu finden. Ganz neu und wohl die Zukunft: mp3-DVDs. Die 150 wichtigsten Jazz-Alben – oder realistischer: die 1000 geilsten Goa-Trance Tracks – auf einer doppelseitigen Scheibe. Musikgeschichte für Bequeme.

Auch bei Filmen findet sich vieles, jedoch wie schon beklagt meist nur in russisch und ohne fremdsprachige Untertitel. Eines sticht im breiten Angebot aber sofort ins Auge: Gibt es in den Auslagen der unzähligen Kioske Samaras nicht wie in der Schweiz viel nackte Haut zu sehen – Pornohefte und dergleichen scheinen hier an Kiosken nicht verkauft zu werden – ist im Knishni Rynok auch Pornographie stark präsent. Einige Verkaufsstände haben sich darauf spezialisiert und bringen kopierte DVDs und dergleichen an den Mann.

Ich selbst hab mir (siehe Bild) neben einer DVD mit allen Filmen von Andrej Tarkovski (Link) (100 Rubel: 3 Euro, 4.7 sFr) die Diskographie von Napalm Death auf zwei CDRs gekauft (60 Rubel: 2 Euro, 3 sFr). Die beiden CDRs bieten neben mehr als 20 Alben als Mehrwert auch eine Kurzbiographie der Band, die Bilder aller Platten-Cover, fast alle Liedtexte und zwei Videos. Napalm Death wird an diesen CDs natürlich nichts verdienen, da ihr neustes Album aber ‘Enemy of the Music Business’ heisst, sind sie über solcherlei Verbreitung ihrer Werke vielleicht doch nicht vollkommen unglücklich.

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Deutsch-Russische Verwirrung

Es begann alles damit, dass unser Gasherd wieder einmal defekt war. Im Innern des Herdes waren einige Röhren leck, welche wir nicht selbst ersetzten konnten. Unser sonst eher wenig hilfsbereiter Vermieter schickte uns also einen Spezialisten, welchem ich das Problem (natürlich auf Russisch) schilderte. Ich sagte ihm, die Röhrchen wären kaputt, wir hätten aber nur unpassende Schläuche als Ersatz kaufen können. Schläuche? Ich wusste, dass dieses Wort irgendwie ähnlich wie im Schweizer-Deutschen tönte, und sagte also шлюха (Schlucha). Er schaute komisch, und ich wiederholte: ich versuchte, ‘Schlucha’ zu kaufen. So weit so gut. Am nächsten Tag hörte ich aber am Fernsehen den Ausdruck ‘grasnaja Schlucha’, was leider ‘dreckige Nutte’ bedeutet.

Damit niemandem der selbe Fehler unterläuft, hier als Einstieg eine Liste mit Russischen Wörtern, welche sehr an Deutsch oder Englisch erinnern und einem (manchmal) aufs Glatteis führen können. Und als Aufsteller einige, welche bedenkenlos übernommen werden können.

Hier klappt’s:
кучер (Kutscher) – Kutscher
шарлатан (Scharlatan) – Scharlatan
шаль (Schal) – Schal
шнур (Schnur) – Schnur
шрам (Schram) – Schramme
штраф (Schtraf) – Strafe
штрих (Schtrich) – Strich
стул (Stul) – Stuhl ABER:
тише (Tische) – ruhig!

Hier nicht:
ад (Ad) – Hölle
гурт (Gurt) – Herde
капут (Kaput) – Ende
клок (Klok) – Büschel
кус (Kuss) – Bissen
шарж (Scharsch) – Karikatur
шарф (Scharf) – Schal
шланг (Schlang) – Schlauch
шлюха (Schlucha) – Nutte
шип (Schip) – Dorn

Und zur Belustigung noch zwei Namen:
лиса (Lisa) – Fuchs
соня (Sonja) – Schlafmütze

Maslennitza, die Butterwoche

 

Am fünften März feierte Samara und ganz Russland den Höhepunkt der Maslennitza, der Butterwoche. Sie markiert – trotz Kälte und einem Meter Schnee – das Ende des Winters und den Beginn des Osterfastens, sieben Wochen vor dem Osterfest. Vor der Christianisierung Russlands war die Butterwoche dem Gott Weles (zuständig für Landwirtschaft und Vieh) gewidmet und fand am Tag der Sonnenwende statt, danach wurde das Datum des Festes vom Osterdatum abhängig gemacht. Nach christlichem Brauch darf in der Butterwoche, der letzten Woche vor der Fastenzeit, noch Milch, Käse, Fleisch und Eier gegessen werde. In Russland ist die Hauptspeise dieser Woche Pfannkuchen (Blini), weshalb uns Maslennitza auch als ‘Fest der Blinis’ angekündigt wurde.

Traditionellerweise hatte während der Butterwoche jeder Tag seinen eigenen Namen und seine eigene rituelle Bedeutung:

  • Montag: Das Treffen. Beginn der Butterwoche. Verwandte besprachen den gemeinsamen Ablauf der Woche. Anfertigen einer Puppe (die ebenfalls Maslennitza heisst) und Bauen von Eisfestungen, auf welchen rituelle Schlachten, die an die Napoleonschen Kriege erinnern sollen, ausgetragen werden.
  • Dienstag: Spieltag. Die Leute Beginn der Schlachten aber auch Gesang und Tanz.
  • Mittwoch: Leckermaltag. Schwiegersöhne besuchten ihre Schwiegermütter und assen bei ihnen Pfannkuchen.
  • Donnerstag: Breiter Donnerstag. Karneval-ähnlicher Umzug durch die Strassen. Die Masken der Teilnehmer zeigten den bösen Winter und den freundlichen Frühling.
  • Freitag: Schwiegermutter Abend. Schwiegersöhne luden die Schwiegermütter ein.
  • Samstag: Schwägerinen-Sitzung. Frauen besuchten ihre Schwägerinnen und überreichten ihnen verschiedene Geschenke. An diesem Tag verbrannte man traditionellerweise auch die am Montag gebastelte Puppe, mit der Hoffnung der Frühling käme so schneller. Die Asche der Puppe wurde auf den Feldern verstreut, wodurch man sich ein erntereiches Jahr erhoffte.
  • Sonntag: Verzeihung. Ende der Butterwoche. Zerstören der Eisfestungen. Verwandte und Bekannte besuchten sich und baten einander um Verzeihung für allerlei Untaten und Vergehen des vergangenen Jahres.

Heutzutage befolgen nur noch wenige Leute alle Traditionen der Butterwoche. Meist werden nur noch Pfannkuchen gegessen und das Sonntagsfest, an welchem entgegen der Traditionen auch die Puppe angezündet wird, besucht.

In Samara feierte man dieses Sonntagsfest auf verschiedenen öffentlichen Plätzen, der grösste der verschiedenen Festakte fand auf dem zentralen Kubishev Platz vor dem Opernhaus statt. Im Zentrum des Platzes stand auf einem Schneehaufen die etwa fünf Meter hohe, aus Holzlatten und Stoff gefertigte Puppe in einem Kreis von grossen Besen. Ansonsten gab es neben einer Bühne keine offiziellen Bauten oder Dekorationen. Um 14 Uhr war der Platz – laut offiziellen Informationen immerhin der grösste Platz Europas – und einige der umliegenden Strassen übervoll mit Leuten. Das Fest scheint ernst genommen und geschätzt zu werden. Zum Vergleich: an Silvester fanden sich vermutlich kaum ein Zehntel so viele Leute auf dem Kubishev Platz ein, trotz einzigem offiziellem Fest und gratis Konzerten. Bis 15 Uhr passierte dann allerdings nicht viel – auch keine Spur von den angekündigten gratis Blini. Man stand also rum, trank etwas oder fuhr eine Runde mit dem Pferdeschlitten.

Kurz nach 15 Uhr wurde dann ohne grosse Zeremonie die Puppe angezündet, welche wegen der leichten Bauweise innerhalb weniger Minuten niederbrannte. Nach dem dem Abbrennen der Puppe spielte eine traditionell angehauchte Truppe eine Konzert, wozu einige der fröhlicheren (oder alkoholisierteren) der Festbesucher tanzten. Interessanter war jedoch die massive Schneeballschlacht, welche gleichzeitig mitten auf den Platz begann. Einige Dutzend Leute jeden Alters schlossen sich nach nach belieben einer der beiden spontan gebildeten gegnerischen Gruppen an, und begannen den Leuten auf der anderen Seite möglichst fies Schnee ins Gesicht oder den Nacken zu schmeissen. Immer wieder lancierte eine Seite, angestachelt durch besonders Mutige (oder Besoffene) einen geschlossenen Angriff auf die Gegner, welcher natürlich zu nichts führte, aber die endlose Schlacht interessanter machte. Hat viel Spass gemacht.

Am anderen Ende der Stadt – so sah ich es später am Fernsehen – hatte man an einem anderen grösseren Fest eine ziemlich grosse Eisfestung gebaut, welche in einem inszenierten Kampf von Männern in nach 18tem Jahrhundert aussehenden Kostümen erstürmt und verteidigt wurde. Danach wurde unter den Festbesuchern ähnlich der Schneeballschlacht auf dem Kubishev Platz stundenlang ein recht handfester Kampf um einen Schneehügel neben der Eisfestung ausgetragen. Sei eine unterhaltsame Prüglerei gewesen, trotz blauer Flecken.

Flatternd wehten die Banner im Wind

Sakiko liess ihre Blicke erneut über den Platz schweifen. Im Ring standen die beiden Stiere – der rote und der schwarze – unbeweglich wie ein Standbild. Über den Kampfring und die den Bambuszaun umgebende Menge schien nun, nachdem der Regen aufgehört hatte, die kalte Wintersonne. Die Treiber schlugen den beiden Tieren auf das Hinterteil und die Flanken, um sie aufzureizen, Flatternd wehten die Banner im Wind, die Lautsprecher wiederholten monoton die gleichen Worte, sie riefen mit einer Stimme, die nach Ermattung, Zorn und Klage klang. Auf den Tribünen herrschte ungewöhnliche Stille. Man vernahm keinerlei Lachen, keine Stimmen, unbewegt starrten die Zuschauer auf den Ring hinunter.

Yasushi Inoue – Der Stierkampf (1971).

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