Unterhaltung ist alles, auch in Russland. Das Unterhaltungsbedürfnis der Leute ist enorm, ebenso wie der Druck, dieses mit internationalen Produktionen zu befriedigen. Stellt man aber den Fernseher (oder das Radio) an, bietet sich einem das gleiche Bild wie Zuhause: auf jedem Sender und zu jeder Tageszeit seift einem von Werbung durchsetzte Massenware das Gehirn ein. Amerikanische B-Movies und Soaps, Reality Shows, Richter-, Heimwerker-, Kochsendungen, Putin-lastige News und ein paar kuriose Sovjetfilme.
Überbrückt man in westlichen Gefilden das mangelhafte Angebot von Rundfunk und Fernsehen (und der lokalen Film- und Plattenläden mit ihren überhöhten Preisen) gerne mit fast kostenlosen P2P Downloads, verhindern russische Provider solcherlei recht effizient, indem sie neben der Verbindungsgebühr auch jedes Megabite (mb) Traffic in Rechnung stellen. Mit zwei bis sechs Rubeln pro mb kostet der Download einer CD (eines Albums; ca. 60mb) mindestens 120 Rubel (ca. 3.5 Euro/6 sFr), ein Film (meist 700mb) mindestens 1400 Rubel (40 Euro/60 sFr). Ziemlich wirksame Anti-Piraterie.
Wie weiter also? Etwa Originale kaufen? Vergleicht man die (international relativ homogenen) Preise der gängigen Unterhaltungsmedien mit den lokalen Einkommen, merkt man, dass sich Russen diese nie legal erstehen könnten. Zum Glück für die Russen ist aber die örtliche Raubkopier-Branche sehr gut organisiert. Wie bereits anhand der Königin aller Piraterie-Medien, der 8in1 DVD beschrieben, scheinen Urheberrechte in Russland nicht allzu vehement durchgesetzt zu werden. An jeder Strassenecke kann man günstig raubkopierte Filme, Musik und Software erstehen.
Ergänzend zu den Verkaufsständen auf der Strasse findet in Samara jedes Wochenende ein grösserer Freiluft-Markt statt, der Knishni Rynok (Büchermarkt). Anders als der Name und die im Marktareal noch vorhandenen Wegweiser erahnen lassen, werden auf dem Knishni Rynok heute keine Bücher mehr angeboten, sondern ausschliesslich Filme, Musik und Software. Die Händler bieten Raubkopiertes (und ganz wenige Originale) in verschiedenen Qualitätsstufen an. Bei der Musik reicht dieses von der selbstgebrannten mp3-CDR mit schwarz/weiss kopiertem Cover bis zu luxuriös gestalteten Sammel-Editionen mit Covers in Gold-Prägedruck und hübschen Booklets. Und gerade bei Musik ist auch das Angebot recht überraschend. So fand ich zum Beispiel die komplette Diskographie von Atom Heart auf zwei mp3-CDRs – nicht gerade ein Hitparaden-Künstler und Zuhause wohl nicht ganz einfach zu finden. Ganz neu und wohl die Zukunft: mp3-DVDs. Die 150 wichtigsten Jazz-Alben – oder realistischer: die 1000 geilsten Goa-Trance Tracks – auf einer doppelseitigen Scheibe. Musikgeschichte für Bequeme.
Auch bei Filmen findet sich vieles, jedoch wie schon beklagt meist nur in russisch und ohne fremdsprachige Untertitel. Eines sticht im breiten Angebot aber sofort ins Auge: Gibt es in den Auslagen der unzähligen Kioske Samaras nicht wie in der Schweiz viel nackte Haut zu sehen – Pornohefte und dergleichen scheinen hier an Kiosken nicht verkauft zu werden – ist im Knishni Rynok auch Pornographie stark präsent. Einige Verkaufsstände haben sich darauf spezialisiert und bringen kopierte DVDs und dergleichen an den Mann.
Ich selbst hab mir (siehe Bild) neben einer DVD mit allen Filmen von Andrej Tarkovski (Link) (100 Rubel: 3 Euro, 4.7 sFr) die Diskographie von Napalm Death auf zwei CDRs gekauft (60 Rubel: 2 Euro, 3 sFr). Die beiden CDRs bieten neben mehr als 20 Alben als Mehrwert auch eine Kurzbiographie der Band, die Bilder aller Platten-Cover, fast alle Liedtexte und zwei Videos. Napalm Death wird an diesen CDs natürlich nichts verdienen, da ihr neustes Album aber ‘Enemy of the Music Business’ heisst, sind sie über solcherlei Verbreitung ihrer Werke vielleicht doch nicht vollkommen unglücklich.