Verkehrsmittel


Saporoshez Seit GTA jedem klar: Für den Charakter einer Stadt ist neben den kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Gepflogenheiten deren Bewohner, der Architektur und Stadtplanung sowie der Stadtökologie vor allem eines bestimmend: die öffentlichen und privaten Verkehrsmittel.

Samara hebt sich anhand dieser Kategorisierung in jeder Hinsicht von einer Schweizer (oder westeuropäischen) Stadt ab. Die öffentlichen Verkehrsmittel habe ich hier schon vorgestellt, darum widme ich mich in diesem Beitrag ausschliesslich dem Privatverkehr.

Was einem in den Strassen Samaras sofort ins Auge sticht, ist der hohe Anteil russischer Autos. In zwei Verkehrszählungen (Resultate im Detail siehe ganz unten) bestätigte sich dieser Eindruck: von total 671 Fahrzeugen waren 557 russischen Ursprungs, das sind 83%. Den Löwenanteil stellte dabei die Marke Lada mit 403 Fahrzeugen (60%). Was den Eindruck der Einheitlichkeit noch verstärkt ist die Tatsache, dass vier Automodelle mehr als zwei Drittel aller Fahrzeuge ausmachten. Dies sind der Lada Samara (20%), die Lada 11er Modelle (18%), der klassische Lada Schiguli (14%) und der GAZ GAZel (die Marschrutka; 14%).

Natürlich gibt es auch bei russischen Fahrzeugen diverse verschiedene Modellevarianten und -generationen. Diese unterscheiden sich aber äusserlich meist nur geringfügig. Das Aussehen der Lada Schiguli Modelle beispielsweise blieb über Jahrzehnte sehr ähnlich. Im folgenden kurze Beschreibungen der russischen Autohersteller und deren wichtigste (zeitgenössische) Modelle.

AvtoVAZ oder kurz VAZ (Volga Avtomobilny Zavod, russisch für ‘Volga Automobil-Werk’) mit Sitz in Togliatti, gegründet 1966. Togliatti, nahe Samara gelegen, wurde für die Lada-Fabrik stark ausgebaut und nach einem ehemaligen Führer der italienische Kommunisten benannt; wohl auch, um eine Verbindung zur Lizenzierung italienischer Technik herzustellen. AvtoVAZ ist Hersteller der Marke Lada (früher ‘Schiguli’) und grösster Produzent von Personenkraftwagen in Russland (rund 1% Anteil am russischen BSP) und Osteuropa. Lada bietet heute sechs verschiedene Automodelle an: den Schiguli, den Samara, die 11er Modelle, den Geländewagen Niva, den Kleinwagen Kalina und den Kleinstwagen Oka.

Als erster Lada wurde ab 1970 der Schiguli (so heisst die Hügelkette zwischen Samara und Togliatti) produziert, welcher vom Fiat 124 abgeleitet wurde. Die ursprünglichen Modelle wurden 1979 durch eine neue Generation der Limousine (Modell 2105) abgelöst. 1982 erfolge die Einführung des Spitzenmodells 2107 und 1984 des Kombis 2104. Der 2105 und der 2107 sind heute noch mit äusserlich nur wenigen Veränderungen im Angebot.

Der Samara wurde 1984 eingeführt, wobei zuerst der Name Sputnik vorgesehen war. Diese Bezeichnung ist kurioserweise auch heute noch bei vielen Samaras in kyrillischen Buchstaben ab Werk angebracht, obwohl der Wagen auch in Russland nur unter dem Namen Samara bekannt ist. Den Samara gibt es mit Stufen- und Fliessheck sowie seit 1990 als Pickup unter dem Namen Lada Chelnok.

Seit 1995 sind die 11er Modelle im Angebot, und zwar als Stufenheck-Limousine (2110), Kombi- (2111) und Fliessheck- (2112) Version.

Der Lada Niva (auch Lada 2121, Produktion seit 1977) ist ein Offroad-PKW mit permanentem Allradbetrieb. Er ist dank einfacher Technik und magerer Ausstattung der mit Abstand preisgünstigste Geländewagen in Europa und wird neu bereits unter 8000 Euro angeboten, also zum Preis eines Kleinstwagens. Durch die einfache Technik ist er sehr robust.

Der Lada Kalina ist 2005 vorgestellter Kleinwagen, nicht unähnlich dem Daewoo Matiz.

Der Oka ist ein nach Vorbild des Daihatsu Cuore seit 1987 hergestellter, äusserst billiger Kleinstwagen. Im Volksmund heisst der Oka ‘Todeskapsel’ wegen seiner miesen Resultate in Crashtests.


GAZ (Gorkowski Avtomobilny Zawod, russ. für ‘Gorki Automobil Fabrik’) mit Sitz in Nizhnij Novgorod (früher Gorki genannt), gegründet 1932 als Resultat des ersten Fünfjahrplans der Sowjetunion, welcher GAZ als Produzent von Lastwagen und grösseren Personenwagen vorsah. Die ersten Produktionsanlagen stammten interessanterweise von der amerikanischen Ford, welche auch die Pläne für die Lizenzproduktion der ersten Modelle, zu Beginn hauptsächlich Lastwagen, lieferte. Erst nach 1945 entwickelte GAZ eigenen Modelle. Heute ist GAZ Hersteller der Limousine Volga (der russische Mercedes; Neupreis allerdings nur rund 6000 Euro / 10000 CHF), der Lieferwagen GAZel (Gazelle) und Sobol (Zobel), verschiedener militärischer und ziviler Lastwagen sowie des SUVs Tiger, einem riesigen, vom amerikanischen Hummer inspirierten Ungetüm von einem Jeep (Neupreis ab 58’000$; Hummer H1: 140’000$).



UAZ
(Ulyanovsky Avtomobilny Zavod, russ. für ‘Ulyanovsk Automobil Fabrik’) mit Sitz in Ulyanovsk, gegründet 1941 ist Hersteller des klassischen, russischen Geländewagens UAZ-469 (Produktion seit 1965, bis Ende der 1980er Jahre nur für die Armee; seit Mitte der 1990er als UAZ Hunter vermarktet), des Lieferwagens UAZ-452 (in Produktion seit 1966) und neu des SUVs UAZ Patriot (seit 2005; Neupreis rund 11000 Euro / 17000 CHF).


AZLK (Avtomobilny Zavod imeni Leninskogo Komsomola, in etwa ‘Automobil Werk Lenins Kommunistischen Jugendverbandes’) mit Sitz in Moskau, gegründet 1930, Konkurs 2006. AZLKs Rolle im Sovjet System war die Produktion von kleinmotorigen Personenfahrzeugen (gleich wie AvtoVAZ). Ab 1939 wurden Fahrzeuge unter dem Namen Moskvitch (der Moskauer) verkauft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden als Reparation die gesamten Fertigungsanlagen für den Opel Kadett von Rüsselsheim (Deutschland) nach Moskau verlegt, wo 1947 die Produktion für den auf dem Kadett basierenden Moskvitch 400 anlief. Einige Moskvitsch Modelle wurden später auch in Ischewsk gebaut, man erkennt diese am ‘ISCH’ Symbol an der Front. Der Moskvitch wurde bis 1998 in zehn verschiedenen Modellen (fünf Generationen) hergestellt: mit Stufenheck, als Kombi, als Lieferwagen und, basierend auf einem Talbot, mit Fliessheck.


KAMAZ (Kamskii Avtomobilny Zavod, russ. für ‘Kamskische Automobil Fabrik’) mit Sitz in Nabereschnyje Tschelny, gegründet 1969 ist Hersteller der KAMAZ Lastwagen, aber auch von Dieselmotoren, Autobussen und Panzern. ‘Kamaz’ wird im Russischen als Synonym für Lastwagen verwendet. Tatsächlich stammen die meisten Lastwagen auf den Strassen Samaras von KAMAZ, weit weniger von GAZ, ZIL, der weissrussischen MAZ oder anderen ausländischen Marken.

ZIL (Zavod Imeni Likhacheva, russ. für ‘Fabrik Likhacheva’) mit Sitz in Moskau, gegründet 1916 als Avtomobilnoe Moskovskoe Obshchestvo, ‘Moskauer Automobil Gesellschaft’, umbenannt 1931 zu Zavod Imeni Stalina, ‘Fabrik Stalin’ und 1956 im Zuge der Entstalinisierung zu ZIL (Ivan Alekseevich Likhachev war ein ehemaliger Direktor des Unternehmens). ZIL produziert heute vor allem Busse und Lastwagen, aber auch gepanzerte Militär- und Zivilfahrzeuge (hauptsächlich für die Regierung) und einige wenige handgefertigte Luxus-Limousinen (im Rolls-Royce Preissegment) pro Jahr. Auf der Strasse sieht man hauptsächlich den Lastwagen ZIL 130 (blau-weisser Lastwagen), den seit 1998 produzierten Lieferwagen ZIL 5301 und verschiedene Nahverkehrs-Busse.

PAZ (Pavlovsky Avtobusny Zavod, russ. für ‘Pavlov Autobus Fabrik’), mit Sitz in Pavlov, gegründet 1952. PAZ stellt Personenbusse her. Sehr häufig im Stadtverkehr ist das seit 1989 hergestellte Modell PAZ-3205.


Die Verkehrszählungen im Detail:

Uliza revoluzionnaja (Revolutionsstrasse; Kreuzung Dybenko), 9. Juni 2006, 13.45h bis 14.05h

Total 296 Autos (inkl. LKWs, Busse etc.), 1 Motorrad, keine Fahrräder.

Davon 241 (81%) russische Modelle, 55 (19%) ausländische; 176 (58%) VAZ (Ladas)

Modelle: Lada 11X 58 (20%), Lada Samara 57 (19%), Lada Schiguli 44 (15%), Lada Niva 11, Lada OKA 6; GAZ GAZel 39 (13%), GAZ Volga 5; AZLK 5; andere russische Personenwagen 1; russiche Nutzfahrzeuge 15

Uliza gagarina (Gagarinstrasse; Kreuzung Avrory), 15. Juni 2006, 13.02h bis 13.17h

Total 375 Autos (inkl. LKWs, Busse etc.), keine Motorräder, keine Fahrräder.

Davon 316 (84%) russische Modelle, 59 (16%) ausländische; 227 (61%) VAZ (Ladas)

Modelle: Lada 11X 66 (18%), Lada Samara 78 (21%), Lada Schiguli 52 (14%), Lada Niva 23, Lada OKA 8; GAZ GAZel 55 (14%), GAZ Volga 15; AZLK 1; andere russische Personenwagen 6; russische Nutzfahrzeuge 12.

Anmerkung nach nach einer Woche Moskau: Samara ist auch in Bezug auch Autos ganz klar Provinz. Im Zentrum der Hauptstadt verkehren schätzungsweise nur rund 30% russische Automodelle. Unter den ausländischen Modellen finden sich, anders als in Samara, auch viele westeuropäische Marken, insbesondere Mercedes.

 

Neulich in Saratov: ich stand an der Bushaltestelle und meinte, meinen Augen nicht zu trauen, fuhr doch anstelle eines der üblichen russischen Busse tatsächlich ein original schweizer Postauto vor. Für Nichtschweizer: Postautos sind Regionalbusse, welche von der Schweizerischen Post betrieben werden und neben dem Personentransport zumindest früher auch dazu dienten, die Post von den Regionalzentren in die Dörfer zu verteilen. Stand da also dieses Postauto des Regionalverbundes Aargau und gab vor, einen Bus der Linie 11 zu verkörpern. Wie seltsam.

Nur Minuten später - die Busse verkehren hier zum Teil im 30 Sekunden Takt - wurde es noch seltsamer, kam doch ein merkwürdig bekannt aussehender blauer Bus angerollt: Mercedes, marineblau mit weissen Streifen? Genau, ein Bus des VBZ, der Verkehrsbetriebe Zürich, komplett mit Werbeaufschrift für das ‘Automobilcenter Zürich JHKeller AG’. Danach ging es Schlag auf Schlag: ein Postauto ‘Zürich’, ein weiterer VBZ Bus, zwischendurch mal einer französischen, ungarischen oder deutschen Ursprungs (’Mit dem Bus zum Zoo Heilbronn’) und zuguter letzt noch einer des Verkehrsverbundes Zürcher Oberland, innen komplett mit Liniennetz-Plan, der Infothek mit alten Fahrplänen (später sah ich einen mit der kompletten Fahrplan Palette) und der Warnung ‘Bitte kein Geld aus dem Fenster werfen’ (Schwarzfahren kostet 80 CHF).

Die Busse waren übrigens in tipp toppem Zustand und man kann nur rätseln, warum sie auf einmal in der russischen Provinz verkehren und auf welchen Wegen sie sich hierhin verirrten. Eine Nachfrage VBZ ergab folgendes:

Sehr geehrter Herr Burkardt

Vielen Dank für Ihre Kontaktaufnahme. Die Situation muss recht komisch sein und bringt uns zum schmunzeln.

Ein VBZ-Bus hat etwa eine Lebensdauer von 10 - 12 Jahren, danach wird er ausgemustert und verkauft. An seiner Stelle wird ein neuer, modernerer Bus gekauft der dann den Betrieb aufnimmt.

Oftmals werden die Busse dann im neuen Land nicht umgestrichen, weshalb Sie die VBZ-Busse in Russland gesehen haben. Wir hoffen, die Busse wecken in Ihnen angenehme Erinnerungen an die Heimat und wünschen Ihnen einen guten Einsatz.

Freundliche Grüsse

Verkehrsbetriebe Zürich

Jeanette Bruder
Kundenservice

 

Name Fahrrad; gut Schweizerisch auch ‘Velo’ genannt
Fahrzeugtypen wenige
Design Meist moderne Billigmountainbikes. Gab es keine sovjetischen Fahrräder?
Geschwindigkeit unbekannt
Kapazität bis 2 Personen
Komfort unbekannt
Fahrer sportlich
Halt! jederzeit
Preis unbekannt
Bezahlt -
Misc Gehören Fahrräder in Brüssel, Köln oder Zürich zum Stadtbild, fährt hier in Samara kein Mensch Fahrrad! Ich sehe vielleicht alle zwei Wochen mal einen einsamen Fahrradfahrer. Jetzt bei Schnee und Eis (praktisch ohne Winterdienst) einfach verständlich, im Spätsommer und Herbst weniger. Schneller als mit Tram und Trolleybus wäre man mit dem Fahrrad alleweil.

 

Name Trolleybus
Fahrzeugtypen ein Typ mit unterschiedlich alten aber sehr ähnlichen Modellen. Trolleybusse werden in Ulyanovsk von der Firma UAZ (Ulyanovsky Avtomobilny Zavod, russ. für ‘Ulyanovsk Automobil Fabrik’) hergestellt.
Design Aussen meist weiss mit grossflächigen Werbeaufdrucken. Innen je nach Alter rustikal holzig bis modern karg.
Geschwindigkeit Nur wenig schneller als das Tram. Biegt der Bus an einer ‘Stromleitungs-Kreuzung’ ab, muss der Fahrer aussteigen und die Stromabnehmer des Fahrzeugs von Hand auf die neue Stromleitung rüber ziehen. Auf gewissen Linien machen die Trolleybusse auf der Hälfte der Strecke eine rund zehn minütige Pause, bei welcher Fahrer und Ticketverkäuferin sich in irgendwelchen offiziellen Buden oder Unterkünften einen Tee genehmigen, während man im Bus vor sich hinfriert.
Kapazität ca. 100 Personen
Komfort Mittel. Meist kann man sitzen und aus grossen Fenstern gemütlich rausschauen. Trolleybusse sind aber meist schlecht geheizt, lärmig und langsam.
Fahrer sind etwa zur Hälfte Frauen. Ticketverkäuferinnen sind zu 90% Frauen.
Halt! Hält an allen Haltestellen, sobald man zur Tür geht.
Preis 9 Rubel
Bezahlt wird bei der Ticketverkäuferin
Misc Für den Trolleybus kann man ein Abo kaufen (gilt NUR in Trolleybussen), welches für Studenten und Rentner recht günstig ist. Darum benutzen viele alte Leute die Trolleybusse.

 

Name Metro
Fahrzeugtypen einer
Design blau mit weissen Ralley-Streifen oder blau-silbrig mit weissen und roten Rally-Streifen
Geschwindigkeit schnell
Kapazität ca. 500 Personen
Komfort hoch. Die Stationen sind sauber, die Metro schnell und die Wagen bequem.
Fahrer sind immer Männer in schicken blauen Kapitäns-Uniformen.
Halt! Hält an jeder der acht Haltestellen
Preis 9 Rubel
Bezahlt wird bei einer Kasse im Eingangsbereich. Man erhält danach einen Plastik-Jeton, welcher bei einer Schranke zum Innenbereich der Metro eingeworfen werden muss. Nach der Schranke führen Rolltreppen in die hübsch gestalteten Metrostationen.
Misc Es gibt nur eine einzige Metroline, welche zudem nicht in einem Stadtteil verkehrt, wo ich mich regelmässig aufhalte. Diese Linie wurde kurz nach dem zweiten Weltkrieg mit sieben Haltestellen eröffnet. Mitterweile sind es deren acht geworden; da der Abschnitt zur neusten Station nur eingleisig ist, muss man bei der zweitletzten Station den Zug wechseln. Auf dem offiziellen Metroplan sind noch einige weitere Stationen eingezeichnet. Wann dieses fertiggestellt werden, weiss ich nicht. Die schönste Station heisst ‘Pabeda’ (Sieg) und ist entsprechend mit fünfzackigen Sternen, CCCP-Insignien (kyrillische Schrift für SSSR) und der Zahl 1945 dekoriert.

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