Kofe Arabika ‘Pjotr Velikij’

Ohne Kaffee gehts nicht Die Russen trinken Schwarztee in Massen, das ist nicht nur ein Klischee. Darum wohl ist Kaffee in Samara ein Nischenprodukt und entsprechend teuer. 250 Gramm mittelmässiger, gemahlener Kaffee kosten um 100 Rubel (4.5 CHF, 3 Euro), internationale Marken wie Chicco D’Oro um 200 Rubel für die gleiche Menge. Ganz schön viel Geld hier.

Im Dienste der Armee Muss ich meine Tage im Kindergarten deswegen ohne Kaffee beginnen? Zum Glück nicht, denn es gibt hier als angenehme, kostengünstige Ausnahme den ‘Kofe Arabika Pjotr Velikij’ (Peter der Grosse). Der kostet um 40 Rubel und schmeckt auch einigermassen ok. Eher speziell jedoch die Winteraktion: vom Preis jedes Pakets ging ein Rubel an die russische Armee. Im Prinzip ist das natürlich eine sehr lobenswerte Initiative, wissen wir doch nicht erst seit den letzten Skandalen (die Prügelaffäre: gedeckt von den Vorgesetzten schikanierten ältere Rekruten die jüngeren systematisch, in einigen Fällen mit Todesfolgen) um die Missstände in der ehemaligen Roten Armee. Andererseits…

Und es gibt ihn doch, den Kwas


Kwas und Medok aus Tankwagen auf der Strasse? Hab ich noch nicht gesehen. Dafür gibt es das Zeug als Softdrink im Supermarkt. Kwas schmeckt dort wie angesäuertes Spülmittel mit Kohlensäure, Medok wie Rexona Sportfrisch.

Was im Dezember stimmte – es gab damals wirklich nirgends Tankwagen mit diesen Getraenken auf der Strasse – muss seit dem Anbruch des Fruehlings revidiert werden: an jede Strassenecke wird in Samara nun Kwas (Medok hab ich noch nicht entdeckt) verkauft. Industrieller Kwas aus Tankwagen und schicken Verkaufsstaenden mit Zapfsaeule oder von Babuschkas zuhause selbst hergestellter in allerlei Flaschen und Behaeltnissen. Das Getraenk ist vor allem kalt sehr erfrischend und eine gute Alternative zu Bier – oder zu Kola. Kwas – eto ne kola!

8b1 für 100 Rubel


Russischer Winter, draussen ist es kalt und düster – was liegt da näher, als sich gemütlich einen schönen Film anzuschauen? Also ab ins Kino! Sich dort einen der neusten Streifen anzuschauen, kostet je nach Kino und Tageszeit zwischen 100 und 200 Rubel (3 bis 6 Euro). Die Filmauswahl ist eher bescheiden, Studiofilme in Originalsprache werden nur in einem einzigen Kino gezeigt. Manchmal haben diese Filme russischen Untertitel, manchmal werden die Filme auch – live! – von einem Sprecher synchron übersetzt. Dabei sitzt einer irgendwo mit einem Mikrofon, liest zuerst alle nicht-russischen Texte vor (z.B. ‘Reschisser: Dschim Dscharmusch’) und spricht dann über die Originaltonspur die russische Übersetzung, meist mit etwas Zeitverzögerung, z.B. ‘Marvin?’, ‘Marvin’ ‘Are you…ti sdjes?’ – genau, das ‘there’ ist im russischen Text untergegangen. Killt die Atmosphäre eines Films ziemlich effizient. Ansonsten bieten die Kinos den gewohnten Komfort: tolle Bild- und Tonqualität, bequeme Sitze plus Coke und Popcorn.

Möchte man sich den Film lieber in der guten Stube anschauen, kauft man sich auch in Samara eine DVD. Anders als von zuhause gewohnt, hat man hier allerdings die Auswahl zwischen vier verschiedenen ‘Verwertungsstufen’: Original-DVD, kopierte Original-DVD, ’2 in 1′ DVD oder Multifilm DVD (meist 8 in 1). Originale sind schwierig zu kriegen und relativ teuer (um 250 Rubel), alle anderen Versionen werden überall verkauft: auf der Strasse, dem Markt, an Kiosken, in Geschäften. Bieten die ’2 in 1′ DVDs für rund 60 Rubel auf einer Disk zwei Filme mit dem üblichen digitalen Mehrwert (meist Untertitel und Originalsprache), wurden bei den ’8 in 1′ Produktionen für 100 Rubel acht Filme ohne jeden Schnickschnack und nur in Russisch (keine Untertitel, keine DVD Menus, keine Extras) auf eine Disk gepackt. Angeboten werden alle denkbaren Zusammenstellungen: 8 Filme mit Silvester Stallone, 8 Liebesfilme, 8 Kinderfilme. Am beliebtesten sind Sammlungen der neusten Kinofilme. Die Filme der oben links abgebildeten DVD laufen im Moment alle hier im Kino. Die Qualität der Filme auf dieser DVD reicht von ‘mit der Videokamera im Kino abgefilmt und dann mit einem Sprecher auf russisch vertont’ (siehe oben und hier für ein Beispiel der russischen Art, Filme günstig zu synchronisieren) zu ‘DVD-Qualität mit normaler Synchronisation’. Für den halben Preis eines Kinotickets kauft man sich hier also acht aktuelle Filme – problemlos auch in der Vorhalle eines Kinos selbst. Hat man sich alle Filme auf der DVD angeschaut, kann man die Disk wieder an einen Stand zurückbringen und erhält den nächsten Film billiger. Wie das wohl die Filmindustrie findet?

Nebenbei: Musik gibt es natürlich auch zu kaufen auf dem Markt. Vorzugsweise als MP3 CD, welche für 70 Rubel alle Alben einer Gruppe auf einer Disk bietet. Einige dieser CDs tragen offiziell aussehende Kleber (mit Hologramm), welche wohl eine Art Echtheitszertifikat darstellen sollen. Wieviel vom Verkauspreis wohl an die Künstler geht? Und wie wohl die Musikindustrie das Ganze findet?

Rezepte bitte!

Die originelle und vielfältige russische Küche ist unter anderem berühmt für exotische Suppen wie Ukha (Fischsuppe), Schchi (Kohlsuppe mit Fleisch), Pokhlebka (Starke Brühe) und Okroshka (kalte Gemüsesuppe). Russen sind ausserdem grosse Liebhaber von Pelmeni (kleinen sibirischen Ravioli) und Blini (Pfannkuchen).
Jede Hausfrau hat auch eine grosse Zahl eigener Rezepte für Piroggen (Pasteten), Essiggurken und Sauerkraut. Sogar noch grösser ist die Vielfalt der Rezepte für Pilze, eines der am reichlichsten vorhandenen und nährendsten Geschenke unseres Waldes. Sie werden gebraten, in Essig eingelegt, gesalzt, gekocht und vieles mehr. [...]
‘Kein Abendessen ohne Brot’ ist ein russisches Sprichwort. Diese ‘Weizenlaibe’ werden in Dutzenden von Formen angeboten. Und Roggenbrot essen Russen mehr als jede andere Nation der Welt [...].
Ein köstliches traditionelles Getränk ist ‘Kwas’. [Das Wort bedeutet so viel wie 'saurer Trank', da es einen leicht säuerlichen Geschmack hat. Die Farbe des Getränkes ist mit der eines Malzbieres vergleichbar. Kwas ist auch unter dem Begriff Brotgetränk bekannt, da zur Herstellung Brot benutzt wird]. Das älteste Getränk jedoch ist Medok. [Dieser Name ist die Verniedlichungsform des Wortes russischen Wortes "Honig". Medok wird aus Wasser, etwas Honig und Hopfen hergestellt]. Beide Getränke werden in vielen Teilen Russlands auf der Straße als Erfrischungsgetränk aus Tankwagen angeboten.Aus dem ‘National Profile Russia’ von ICYE Russland (mit Ergänzungen aus Wikipedia)

Toll, nicht? Ukha, Schchi, Pokhlebka, tausend Sorten Pilze, Kwas, Medok. Wie lecker das alles tönt! Nun, das wäre alles sicher auch lecker, wenn man es hier tatsächlich kochen oder kaufen könnte. Kwas und Medok aus Tankwagen auf der Strasse? Hab ich noch nicht gesehen. Dafür gibt es das Zeug als Softdrink im Supermarkt. Kwas schmeckt dort wie angesäuertes Spülmittel mit Kohlensäure, Medok wie Rexona Sportfrisch. Trotz traditionellem Design mit allerlei Blumen drauf, enthielten diese Getränke keinerlei natürliche Zutaten, übersetzte man mir. Wie schade!

Für viele kommt Solcherlei Hohn wohl nicht überraschend, ist in westlichen Gefilden die russische Küche doch kaum wegen ihrer Fantasie, sondern vor allem wegen der Limitiertheit an Zutaten bekannt. Das viel gehörte ‘du wirst wohl ein Jahr lang Kohl und Kartoffeln essen’ hatte ich als Klischee abgetan – fälschlicherweise. Wirklich erschreckend wie eingeschränkt das Angebot an Lebensmitteln hier ist. Bei der folgenden Auflistung geht es mir natürlich in keinster Weise um Klagen, sondern darum, aufzuzeigen, wie frustrierend etwas Banales wie Lebensmittel einkaufen hier sein kann. Und ich denke, vor zehn Jahren war das noch um einige Dimensionen schlimmer!

Nun, die lokale Produktion scheint zum Beispiel wirklich nur sechs Sorten frisches Gemüse zu liefern, welche man auch im November noch problemlos und preiswert kaufen kann: Karotten, Kartoffeln, Kohl, Randen (rote Beete), Rettich und Zwiebeln. Wo genau dieses Gemüse produziert wird, weiss ich auch nicht. In der Umgebung Samaras – soweit ich die schon gesehen habe – scheint es keine Landwirtschaftsbetriebe zu geben. Und von den Datschas kann das wohl kaum alles kommen!

Zum obigen Grundstock gibt es saisonal einige Ergänzungen wie Auberginen, Blumenkohl, (Essig-)Gurken oder Tomaten – von der famosen Pilzauswahl hab ich leider noch nichts gesehen. Alles Andere oder saisonal nicht Verfügbares wird scheinbar importiert und ist sehr teuer (oft Preise wie in der Schweiz oder höher). Dies gilt zum Beispiel für Birnen, Champignons, Peperoni (Paprika), (Süd)früchte, Tomaten (aktueller Preis: 100 Rubel pro kg, d.h. 3 Euro oder fast 5 sFr). Anderes scheint gar nicht erst (frisch) im Angebot zu sein, wie Artischocken, Bohnen, Spinat, Broccoli, Lauch, Pilze (ausser Champignons), Rosenkohl, Salat, Sellerie oder Zucchini. Warum scheint? Manchmal entdeckt man ein einem bestimmten Tag per Zufall an einem von 30 Marktständen neben dem Standardangebot auf einmal ein einziges, entstrechend teures Paket von zum Beispiel Rosenkohl. Macht die Planung nicht einfacher! Klar: Das eine oder andere gibt es natürlich (wieder: teuer) tiefgekühlt oder eingedost. Aber wer kann sich sowas hier leisten?

Sicherlich, ich bin Vegetarier, darum der Fokus auf dem wirklich enttäuschenden Gemüseangebot. Aber auch sonst ist das Angebot nicht viel besser. Im Supermarkt OKEAN, wo ich neben dem kleinen Quartiermarkt hauptsächlich einkaufe, sind neben Süssigkeiten, Fruchsäften und Süssgetränken, Schwarztee, Alkohol und Fisch (frisch, tiefgekühlt, getrocknet, eingedost) nur Pelemeni und Varenike (russische Ravioli – siehe oben) und Dosenfutter (Dosenfleisch, Dosenmais, Dosen-was-weiss-ich) reichlich vorhanden. Dazu gibt es eine Auswahl an Teigwaren, Getreide (Reis etc.), ein Regal Mayonnaise (mit zum Beispiel auch Wachteleier-Mayo), drei Regale Joghurt (die Hälfte davon hocherhitzt (UHT), d.h. nicht im Kühlregal) und neben dem Üblichen wie Butter und Rahm fünf Sorten (junger, d.h. weicher und nicht gerade würziger) Käse. ‘Spezielleres’ wie Feta, Mascarpone, Mozarella, Reibkäse ist nicht im Milchprodukte-Angebot.

Auch wenn OKEAN nicht ganz so mies ist wie Gastronom oder die kleinen Quartierläden, wo das Angebot täglichen Schwankungen unterliegt – ‘Kirschjoghurt und Frühstücksflocken gibt es heute nicht!’ – ist er sicherlich nicht gerade der Luxussupermarkt. Grössere (und weit entfernte, d.h. für uns nur schwierig erreichbare) Läden wie Samara Produkt oder METRO führen ein wesentlich umfangreicheres Angebot. Dies drückt sich allerdings vor allem in der Angebotstiefe (d.h. 200 statt zehn Sorten Joghurt) und nicht in einer grösseren Breite desselben aus (d.h. spezielle Produkte gibt es immer noch nicht, oder diese sind teuer importert).

Chljeb Ein kleiner Lichtblick ist das russische Brot, welches scheinbar in kleinen Cake-Formen gebacken (tönt zu sehr nach Bäckerei, darum wohl korrekter ‘in Brotfabriken produziert’) wird und daher überall in der gleichen, sehr regelmässigen, leicht eckigen Standardform zu kaufen ist. Zwar gibt es verschiedenen Brotarten, ‘Dutzende von Formen’ jedoch nicht gerade. Aber als konstant erhältliches, billiges Produkt ist es doch etwas vom Erfreulicheren, auch wenn einem mitunter die Ideen fehlen, was man sich denn heute wieder aufs Brot legen könnte.

Ein Fazit gefällig: Ich habe kapituliert und esse entsprechend jeden Tag Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln – mit dem Rettich und den Randen weiss ich nichts anzufangen und auf den Kohl bin ich nicht so scharf.

Und ein Aufruf: Bitte sendet mir auf das obige Angebot zugeschnittene Rezeptideen! Was kann ich mir mit Kartoffeln, Karotten, Zwiebeln, Kohl und Randen kochen? Und bitte neben Rahm, Joghurt und Creme fraiche keine Milchprodukte einplanen, weil es die entweder nicht gibt oder sie nicht wirklich brauchbar sind. Rezepte bitte an ale@sirruf.net senden.

Pacino, De Niro und zwei andere

Klick auf mich für das Video! Auch das russische Fernsehen zeigt gerne internationale Produktionen. Was einem die Freude an diesen etwas versalzt, ist die spezielle Art und Weise, wie Filme hier für das einheimische Publikum verständlich gemacht werden. Es kommen nämlich keine Untertitel zum Einsatz und auch keine gängige Synchronisiertechnik, sondern die Filme werden üblicherweise einfach übersprochen. Dabei lesen meist männliche Sprecher den übersetzten, russischen Text einfach über die originale, fremdsprachige Tonspur. Und zwar in einer monotonen, tiefen, männlichen Stimme, egal ob gerade ein alter Haudegen in einem Kriegsfilm eine Rede hält oder in einem Kinderfilm ein junges Mädchen eine alte Hexe anschreit. Ist das Resultat bei neuen Grossproduktionen nicht allzu weit von einem auf Deutsch synchroniserten Hollywoodfilm entfernt, kommt bei einem einfacheren Film schon mal nur ein einziger Sprecher für alle Personen eines ganzen Filmes zum Einsatz. Emotionen werden gestrichen, Geschlechter verschwimmen, gleich wie die Unterschiede zwischen den Charakteren – sehr sovjetisch, oder?

Anmerkung: Das gleiche Verfahren kommt auch meist auf den (raubkopierten) russischen 7 in 1 DVDs zum Einsatz – den üblichen Art, wie hier Filme zum Kauf angeboten werden. 7 in 1 heisst, dass sie es irgendwie schaffen, 7 ganze Filme auf eine einzige DVD draufzupacken, indem sie weitere Sprachen, Untertitel, Menus und Zusatz-Schnickschnack weglassen – und vielleicht den Film noch ein bisschen beschneiden?