Zu Besuch in Saratov


Saratov liegt rund 400km südwestlich von Samara, auf halber Strecke nach Volgograd (Stalingrad), stromabwärts an der Volga. Rund um Saratov siedelten sich ab dem 18ten Jahrhundert viele Deutsche Bauern an, die sogenannten Volgadeutschen, welche anfangs des 20sten Jahrhunderts eine Population von rund 1.5 Millionen erreichten. Wohl aus diesem Grunde wird Saratov ein spezifisch deutsches Flair nachgesagt, welches sich für mich jedoch nur in bescheidenem Ausmasse zeigte – wohl auch, da Stalin die Volgadeutschen nach Deutschlands Überfall 1941 pauschal als Kollaborateure brandmarkte und sie ins Exil trieb oder nach Sibirien verbannte. Rund eine Million Überlebende des Gulags wurden zwar nach Stalins Tod (1953) freigelassen, sie durften jedoch nicht in ihre Herkunftsregion zurückkehren.

Heute ist Saratov eine geschäftige, saubere Stadt mit rund einer Million Einwohnern. Sie erstreckt sich, ganz ähnlich wie Samara, entlang der hier um einiges breiteren Volga, ist jedoch durch eine drei Kilometer lange Brücke mit der kleineren Schwesterstadt Engels, ehemalige Hauptstadt der Volgadeutschen Autonomen Republik und heute Standort eines Atomkraftwerks, verbunden.

Mittelpunkt Saratovs ist eine lange, verkehrsbefreite Einkaufsstrasse, der Prospekt Kirova, wo vor allem abends jung und alt entlang der schicken Boutiquen und der auffällig vielen Cafes flanieren. Im ganzen Stadtzentrum und entlang der Volgaprommenade finden sich relativ viele schöne architektonische Zeitzeugen, zum Beispiel gut erhaltene Jugendstilhäuser.

Anmerkung: Wir hatten nicht gerade das allertollste Wetter in Saratov, darum nur eine kleine Auswahl an Bildern.

Ein Ausflug nach Ufa

Ende Dezember besuchten wir die Stadt Ufa, welche rund 500 km östlich von Samara liegt. Ufa ist Hauptstadt der Region Baschkiristan, hat wie Samara rund 1.5 Millionen Einwohner und liegt auf einem Hügel an der Mündung zweier grösserer Flüsse. Die Bevölkerung setzt sich etwa zu gleichen Teilen aus Russen, Tataren und Baschkiren zusammen, welche je eine eigene Sprache sprechen. Das Baschkirisch verwendet ein etwas erweitertes und abgeändertes kyrillisches Alphabet, was im Alltag durch zweisprachig angeschriebene Gebäude auffiel. Sonst machte Ufa einen etwas freundlicheren, sauberen Eindruck als Samara – man sagte uns dies Läge daran, dass Ufa als Regions-Hauptstadt über mehr direkte Einkünfte verfüge und diese auch investiert würden. Neben vielen neuen Gebäuden zum Beispiel auch in Strassenbeleuchtung. Ebenfalls auffällig war, wie die Baschkiren scheinbar etwas respektvoller mit ihrem kulturellen Erbe umzugehen scheinen. Die vielen alten Holzhäuser der Stadt waren oft einigermassen gepflegte Zeitzeugen und nicht wie in Samara verfallene Bruchbuden zwischen gesichtslosen Neubauten. Hier ein kleiner Rundgang:


Zwei Details der Reise etwas ausgeleuchtet: Der Nachtzug nach Ufa. Wir hatten Tickets für die günstigste Kategorie ‘Plazkart’ gekauft (Preis für 500 km – je 9h – retour: 600 Rubel [18 Euro, 27 sFr – die anderen Kategorien heissen Kupe und Ljuks). Diese Plätze befanden sich in einer Art Schlafwagen mit offenen Schlafabteilen. In jedem Abteil liegen vier Schlafplätze (zwei untere, zwei obere) quer zur Fahrtrichtung und zwei, abgetrennt durch den Gang, längs dazu. Zwischen den Plätzen gibt es Tische, unter den Sitzen und über Kopfhöhe bemerkenswert viel Stauraum für Gepäck. Die Schlafplätze an sich sind einigermassen grosszügig bemessen aber relativ hart. Für 40 Rubel extra ersteht man sich jedoch eine bequeme Matratze, ein Kissen, Betttücher, ein Handtuch und ein Paket Schwarztee; viele Passagiere verzichten aber auf diesen kleinen Luxus. Am Ende des Wages liegt die von der Zugbegleiterin gut gepflegte Toilette, ein Lager mit Wolldecken und eine Art Samawar, d.h. ein hoch kompliziert aussehendes Gerät, an welchem man sich (gratis) heisses Trinkwasser holen kann. Die Zugbegleiterin verkauft zudem Schwarztee (2 Rubel), Fertigsuppen und Süssigkeiten. Durch die offene Bauweise des Schlafwagens fand ich den Aufenthalt um einiges gemeinschaftlicher und angenehmer als von den schweizer Modellen (mit geschlossenen Sechserabteilen) gewohnt. Dort wird einem ja auch immer eingebläut, unbedingt nachts das Abteil zu verriegeln – warum wohl? Verstärkt das Sicherheitsgefühl für mich auf jeden Fall nicht. Übrigens sind alle Zeiten im Fahrplan und auf den Tickets in Moskauer Zeit angegeben, was wir zum Glück vor der Abreise noch herausfanden. Samara ist Moskau nämlich eine Stunde voraus, Ufa deren zwei.

Die Übernachtung. In Ufa angekommen, machten wir uns auf die Suche nach dem in Lonely Planet angegebenen billigen Bahnhof-Hotel. Nach einigem Rumfragen (‘Entschuldigen sie, gibt es hier im Bahnhof ein Hotel? – Hotel? Was für ein Hotel? WAS wollen sie? WAS für ein Hotel suchen sie? Hotel?’) stellte sich heraus, dass dieses wie vorher in Samara abgeklärt ausgebucht war. Netterweise wurden wir aber an eine andere Schlafmöglichkeit im Bahnhof-Hauptgebäude verwiesen, nämlich an eine Unterkunft für Mütter mit kleinen Kindern. Diese nahm dann erstaunlichweise die vier Mädchen der Gruppe sofort auf, Sander und ich wurden wieder ans andere Hotel zurückverwiesen, wo die Leiterin der Mütter-Unterkunft zu vermitteln versuchte – erfolglos. Da uns die netten Damen nicht auf die Strasse schicken wollten, kriegten auch wir ein Bett in der Mütter-Abteilung – für 130 Rubel (3.5 Euro, 5 sFr.) die Nacht.