Mo 19 Dez 2005
Huch, schon drei Monate hier?
Geschrieben von Alexander unter Philosophie
1 Kommentar
Die Zeit fliegt! Schon drei Monate Samara! Der richtige Moment, eine kleine Zwischenbilanz zu ziehen. Welche Erwartungen haben sich als Vorurteile/Mythen erwiesen, welche bewahrheitet? Eine kleine Übersicht:
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Ich werde |
Erwartung |
Realität |
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• jeden Tag Vodka trinken |
wahr |
komplett falsch |
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• oft besoffen sein da ich wenig Alkohol vertrage |
wahr |
total falsch |
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• jeden Tag Kohl und Kartoffeln essen |
falsch |
fast wahr |
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• oft alleine sein |
wahr |
total falsch |
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• eine russische Freundin haben (sali Beat!) |
falsch |
fälscher |
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• in einem sozialen Projekt viel Gutes tun |
wahr |
ziemlich daneben |
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• frieren, frieren, frieren (minus 35!) |
wahr |
falsch |
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• nach drei Monaten fliessend Russisch können |
wahr |
wie naiv! |
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Die Russen |
Erwartung |
Realität |
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• trinken Massen von Schwarztee |
wahr |
sehr wahr |
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• bereiten diesen immer im Samawar zu |
wahr |
falsch |
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• feiern tägliche Exzesse |
wahr |
falsch |
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• saufen extrem viel ohne betrunken zu sein |
wahr |
falsch |
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• sind ständig besoffen (trotzdem) |
falsch |
nicht ganz falsch |
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• sind alle melancholische Intellektuelle |
wahr |
hmm? |
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• sind ein Volk von Mystikern (russische Seele) |
wahr |
nicht so wahr |
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• sind grob und - halt so wie der Typ in Rocky 4 |
wahr |
falsch |
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• lieben es gerne laut |
wahr |
wahr |
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• lieben es bunt und schrill |
wahr |
gar nicht so wahr |
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• lieben Geld |
wahr |
wahrer |
Zu den meisten dieser Erwartungen und Vorurteile gäbe es Bände zu schreiben. Im Moment möchte ich nur auf drei Punkte etwas ausführlicher eingehen: den Winter, die Sprache und die Arbeit.
Der gefürchtete russische Winter lässt immer noch auf sich warten, es ist sogar wieder etwas wärmer geworden in den letzten Tagen, so gegen null Grad. Ein rechter Teil des Schnees auf den Strassen und Gehsteigen ist weggeschmolzen, was einen Gang durch die Stadt zum feucht-schmutzigen Abenteuer macht. Man muss sich zwischen meterlangen Matschpfützen hindurch einen Weg suchen und vorsichtig tastend die Tiefe der Pfützen ausloten. Pfui Teufel! Ich hoffe jedoch, dass sich die viel gehörten minus 35 Grad nicht als Mythos herausstellen werden, die Volga in Bälde zufriert und wir endlich Schlittschuh fahren und Langlaufen gehen können.
Die Russischkenntnisse entwickeln sich langsam. Oft ist inzwischen in Gesprächen neben der passiven Zuhörerrolle (welche auch ein gewisses Mass an Verstehen involviert) auch eine (händeringende) angedeutet aktive Rolle möglich. In ebensovielen Situationen bleibt jedoch die absolute Hilflosigkeit bestehen. Was diese Situationen erschwert, ist die Schwierigkeit, die Russen mit Körpersprache zu erreichen, welche meist überhaupt nicht verstanden wird. Mein südländisch angehauchtes Rumgefuchtel wird hier selten zum zündenen Funken, welcher die Kommunikationslücke überbrückt. Ein positives Beispiel jedoch gestern. Sonntag Abend spontan zum Friseur gegangen - die meisten Geschäfte arbeiten hier nach dem Prinzip ‘ohne Pause und ohne Wochenende’, darum ist ein Friseurbesuch sonntags um sieben Uhr abends kein Problem. Hatte ich vor dem Eintreten ins Geschäft zur Sicherheit noch kurz nachgeschaut, was ‘Haare schneiden’ bedeutet, konnte ich mich 30 Sekunden später dann partout nicht an die Phrase erinnern und musste auf ‘volasi’ (Haare) und ein ‘Scheere Handzeichen’ ausweichen. Funktionierte. Der sehr nette Friseur fragte mich dann, wie ich die Haare gerne geschnitten hätte. ‘Hmm, was heisst schon wieder kurz und was heisst schon wieder auf der Seite und wie sag ich dem, dass ich sie oben gerne etwas länger lassen würde?’ Zeichensprache. Funktionierte erneut. Nicht schlecht geworden der Schnitt. Hat 200 Rubel (9 sFr; 6 Euro) gekostet, was ziemlich viel ist - dafür war es ein schicker Salon.
In die Projektarbeit bin ich wie die meisten anderen Volunteers nur beschränkt involviert. Meine zwei Arbeitgeber Alliance francaise de Samara (kurz AF; AF ist ein Zentrum für französische Sprache und Kultur) und Swallows (die Freiwilligenorganisation, welche unseren Austausch vor Ort organisiert) füllen meine Tage auf jeden Fall nicht mit erfüllenden, interessanten, sozial wertvollen Aufgaben.
Für AF habe ich neben Paketen auf der Post abholen schon seit einiger Zeit nichts mehr gemacht. War ich am Anfang noch in Vorträge, Konzerte und das Kinderlager involviert, beschränkte sich die Arbeit später darauf, raubkopierte Software auf den Computern im Büro zu installieren. Für kulturellen Angebote scheint Winterpause zu sein. Mitterweile herrscht im Büro eine ziemlich lethargische Atmosphäre, was sicher auch daran liegt, dass die zwei aktivsten (und nettesten) Mitarbeiterinnen (Diana und Schenja) den Laden verlassen haben - unter andern mit der Idee, eine eigene Freiwilligenorganisation ( la Swallows) zu gründen.
Auch bei Swallows läuft arbeitsmässig nicht gerade viel. Nachdem ich mich zwischenzeitlich mit meiner Chefin Olga etwas zerstritten hatte, ist aber wenigstens die Atmosphäre in den letzten Tagen etwas besser geworden, d.h. sie hat sich der Stimmung in AF angeglichen, welche im selben Grossraumbüro untergebracht ist. Nicht ganz zufällig fiel dies mit dem Ausscheiden von Diana und Schenja zusammen: Olga und Marjolaine, die Leiterin von AF, haben gerade peinlich offensichtlich Angst vor der möglichen Konkurrenz durch eine andere Organisation und versuchen, die Volunteers mit einer vorher nicht gekannten Freundlichkeit zu umgarnen. Wir werden sehen, wohin das führt. Die letzte mir zugeteilte Aufgabe, etwas Schönes über die Projekte aller Volunteers zu schreiben, d.h. alle Projekte zu besuchen, Fotos zu machen und den Volunteers zu ihrer Arbeit Fragen zu stellen, hat mir auf jeden Fall viel Spass gemacht. Ob des Resultat (welches hier später präsentiert wird) den Vorstellungen von Swallows entspricht, wird sich zeigen. Werbetexte sind es sicher nicht gerade geworden.
Ein Anlass, welcher nichts mit der Projektarbeit zu tun hatte aber trotzdem etwas in Richung ‘Arbeiten’ ging (und viel Spass gemacht hat), war ein Sprachwettbewerb für Schüler (Achtung, das wird jetzt etwas ‘Mein schönster Ferientag’ mässig!). Luis, ein ehemaliger Volunteer aus Spanien, welcher nach seinem Freiwilligenjahr wieder nach Samara zurückkehrte, jetzt hier als Spanischlehrer arbeitet und mit seiner Freundin (Diana - siehe oben) zusammen lebt, fragte Ana-Isabel, Charlotte und mich, ob wir bei diesem Wettbewerb als fremsprachige Jury teilnehmen möchten.
Vor zwei Wochen fand die erste Runde statt, bei welcher ich die Sprachkenntnisse der Schüler in 15 minütigen Einzelinterviews testete. Auf Französisch wohlgemerkt. Viele der Schüler (zwischen 14 und 18) wiesen ein bemerkenswertes Niveau in Französisch auf - ihr Spanisch und Deutsch sei nicht ganz so berauschend gewesen. Trotzdem recht bemerkenswert, dass alle Kinder an dieser Schule drei Fremdsprachen lernen (zur Auswahl stehen Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch).
Im zweiten Teil des Wettbewerbes letzten Samstag, trugen schliesslich die besten sechs der 32 Teilnehmer einen Final aus, auch um sich einen ‘Super Preis’ zu erstreiten. Der Wettbewerb war in eine Mischung aus Einzel- und Gruppenarbeit verpackt, welche rund um eine ziemlich absurde Mission - zehn Leute in Europa vor Vogelgrippe zu retten - aufgebaut war. Ganz habe ich die Story nicht verstanden, gleichwenig wie die Teilnehmer. Die Aufgabe der Jury war es einerseits, das Verhalten der Kinder in der Gruppenarbeit zu bewerten und andererseits, mit einzelnen Teilnehmern Gespräche zu führen. Für die Bewertung sassen die Kandidaten in der Mitte eines Saales im Kreis, die Jury lief darum rum und spitzte die Ohren, am Rand sassen die Zuschauer, Lehrer und die Presse.
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Nach dem ersten Teil der Gruppenaufgabe musste eine individuelle Aufgabe gelöst werden. Ich spielte den Direktor einer Schweizer Bank und musste einem Mädchen 20 Minuten lang einen Kredit verweigern. Auf Französisch. Ana-Isabel hatte etwas mit einem Reisebüro zu tun, Charlotte war Versicherungs-Managerin. Meine Kandidatin meisterte die Aufgabe nicht schlecht - Französisch ist oft die erste Fremdsprache der Kinder - bei Deutsch und Spansich lief das ganze ziemlich händeringend ab. Die Kinder hatten weder verstanden, was sie machen mussten, noch verstanden sie Gegenfragen oder Hilfeleistungen - ziemlich ulkig. In der dritten Runde mussten dann verschiedene Rätsel gelöst werden, welche ich selbst auch erst gegen Schluss der Runde verstand: es ging darum, verschiedene Länder zu erraten und danach einen kleinen Vortrag über die gesamte Mission halten. Bei diesem Punkt konnte ich meine unglaubliche Vielsprachigkeit einbringen, weil ich als einziges Jurymitglied für alle Sprachen Punkte verteilen konnte. Macht!
Nach den Vorträgen führten Kinder der Schule verschiedene Tänze auf: spanische und englische Tänze, einen Cowboy Tanz, den Crazy Frog Tanz - immer in hübschen Kostümen. Sehr lustig und sehr russisch. Zuletzt dann die Preisverleihung mit vielen Reden und tollen Preisen. An die Gewinnerin des zweiten Preises ging eine Computer-Tastatur und Funk-Maus, an die Siegerin ein Flachbildschirm. Sicherlich sehr nett, aber haben die Kinder wirklich einen Computer zuhause? Nachdem ich im Namen der Jury eine kleine Rede geschwungen hatte, zogen wir uns mit den Lehrern in Lehrerzimmer zurück, schüttelten Hände mit einem (lokalen) Duma-Abgeordneten, erhielten Lehrerstellen angeboten und Pralinen und Champagner überreicht. Das ganze wurde übrigens auch am Fernsehen gezeigt. Wir sind Stars!
Zurück zur Realität. Le Monde Diplomatique schrieb in der Novemberausgabe in einem Special über Russland: ‘Zur Härte der Staatsmacht und zur Brutalität der sozialen Beziehungen, die ein Erbe der Sowjetzeit sind, treten die komplementären Merkmale des neuen Zeitalters: Zynismus des Marktes, Egoismus der Ellbogengesellschaft, Materialismus der Konsumgesellschaft. In Russland ist Menschlichkeit, wie anderswo auch, ein rares Gut.’ Auf in die nächsten neun Monate!
