Zusammen mit Sander wohne ich in Samara in einer zentral gelegenen, alten Einzimmerwohnung im scheinbar (grundflächenmässig gesehen) grössten Wohnhaus der Stadt. Der neunstöckige Wohnblock aus der Breschnev Zeit – man teilt hier die Gebäude nach Präsidenten und deren Wohnungsbau-Programmen ein – erstreckt sich gewunden über mehr als 300 Meter Länge bis fast zur Volga-Uferpromenade. Die einzelnen Wohnungen des Hauses befinden sich in Privatbesitz, die Verwaltung übernimmt eine Bewohnerversammlung und ein durch diese bestimmtes Gremiun.
Im Prinzip lebt es sich in diesem Haus ganz bequem, auch wenn die Installationen ihre beste Zeit hinter sich haben. Die Probleme, die wir in der Wohnung hatten, konzentrierten sich denn auch auf Bad und Küche. Im Winter stieg eine zeitlang im Wochenrhythmus der Gasherd, die Toilette oder die Wasserleitungen aus.
Irgendwann im Januar klopfte es dann an der Tür, der Besucher stellte sich als Schenja (Kosename von Evgeni), Nachbar aus der einen Stock tiefer liegenden Wohnung vor. Er erklärte, er renoviere gerade seine Wohnung und erneuere dabei auch einige Wasserleitungen in seinem Bad. Aus diese Grund möchte er in unserer Wohnung im Bad irgendwas nachschauen und etwas Kleines ändern. Genau verstand ich das ganze nicht, dafür fehlte in meinem knappen Russisch der Handwerkerwortschatz.
Ich erkärte Schenja also, die Wohnung gehöre nicht uns und er müsse das ganze mit dem Besitzer besprechen, worauf er meinte, dieser habe die Zustimmung gegeben und die Handwerker für den darauffolgenden Sonntag ankündigte.
An diesem Sonntagmorgen entwickelte sich dann aus dem ‘etwas Kleines ändern’ eine zweitägige Umbauorgie: Löcher wurden gebohrt, Rohre zersägt, neue eingesetzt. Resultat: alle alten Wasserleitungen (Breschnev-Metall) waren einige Dezimeter über dem Boden durchtrennt und durch ein Übergangsstück aus Messing mit Schenjas neuen Plastikrohren verbunden. Nicht besonders schön aber alles funktionierte wie zuvor.
Einige Wochen später – es war Mitte März – ein kurzer Besuch des Wohungsbesitzers, weil der Gasherd wieder mal nicht funktionierte und sich der Wasserhahn im Bad nicht mehr zudrehen liess. Am nächsten Tag dann aufgeregte Anrufe unserer Freiwilligenorganisation Swallows und ein Treffen am selben Nachmittag mit der Organisation und dem Wohnungsbesitzer. Grund: wir hätten ohne Erlaubnis des Besitzers Veränderungen an der Wohung vorgenommen und dieser wolle Swallows nun deswegen vor Gericht zerren. Swallows verlegte sich auf den Standpunkt, Sander und ich wären schuld an der Sache, wir hätten schliesslich die Tür geöffnet und müssten entsprechend die Kosten übernehmen. Natürlich erklärten wir dem Besitzer den Ablauf des ‘Umbaus’ und baten ihn theatralisch um Verzeihung – vergeblich. Er meinte er hätte nun ein riesen Problem am Hals, diese neuen Röhren seien gefährlich, könnten jederzeit explodieren und er wäre dann haftbar, wenn die darunterliegende Wohnung geflutet würde. Das Argument, Schenja wohne ja gerade in dieser Wohnung und würde sich sicher nicht einer solchen Gefahr aussetzen, liess er nicht gelten.
In den nächsten Tag entwickelte er dann eine unheimliche Geschäftigkeit: wir erhielten nach einem halben Jahr endlich einen zweiten Hausschlüssel, der Gasherd und die Wasserleitung wurden in Ordnung gebracht und der Zustand der Wohnung dokumentiert. Schriftlich festgehalten wurden zwei an sechs Stellen veränderte Wasserrohre und zwei zerstörte Stühle. Tatsächlich befinden sich in einem Wandschrank nochmals drei durchsägte Rohre und die beiden Stühle haben wir – wie fünf der sechs anderen auch – im Müll gefunden. Kurz: der Vermieter ist nicht besonders gut über seine eigene Wohnung informiert.
Da eine mit uns bekannte Anwältin meinte, die Angelegenheit werde für uns nicht zum Problem werden, unternahmen wir selbst keine weiteren Schritte und auch von Seiten des Besitzers hörten wir nichts. Den Übeltäter Schenja wollte niemand kontaktieren, eine Verhandlungslösung schien nicht zu interessieren.
Ende April dann wieder einmal ein Klopfen an der Tür, Schenja erkundigte sich nach der Angelegenheit. Nach meiner Erklärung meinte er, der Besitzer sei ‘prosta idiot’, einfach ein Idiot, und die Sache müsse vor Gericht geklärt werden. Für uns würde daraus aber bestimmt kein Problem erwachsen. Gleichentags kam auch der Besitzer mit einer kleinen Delegation zu Besuch, alles (ausser die Rohre im Wandschrank) wurde dokumentiert und für eine Versammlung der Wohnungsbesitzer festgehalten – nur der Techniker spielte nicht mit und meinte nur ‘bcjo normalna’ (alles in ok) zu den Veränderungen. Keine Neuigkeiten seither.
Nach dem Zwischenstand ‘Reise nach Moskau wird noetig’ und ‘die Dokumente werden dem Abteilungsleiter vorgelegt’ passierte erneut einige Tage nichts.
Anstelle von sieben Monate in Samara (das hab ich gestern gefeiert) und aufgrund der traurigen Tatsache, dass der Halbjahresreport auf meinem alten PC stecken geblieben ist, hier ein kleiner Zwischenbericht zum Thema ‘warum man einen Computer nicht mit der Post nach Russland schicken sollte’.
Wer in den letzten Wochen das Gefuehl gekriegt hat, ich sei in Samara nur noch am Einkaufen, der irrt – der irrt leider! Da mein Laptop eine Milchdusche nicht ueberstand und sich der Ersatz in den Krallen des russischen Zolls befindet, warten neue Beitraege – zum Beispiel ueber das Ende des Winters und den angebrochenen Fruehling – in meinem Kopf und meiner Kamera auf Weiterbearbeitung. Mit etwas Glueck sollte das neue Geraet aber demnaechst eintreffen und entsprechend Neuigkeiten nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen.