Und es gibt ihn doch, den Kwas


Kwas und Medok aus Tankwagen auf der Strasse? Hab ich noch nicht gesehen. Dafür gibt es das Zeug als Softdrink im Supermarkt. Kwas schmeckt dort wie angesäuertes Spülmittel mit Kohlensäure, Medok wie Rexona Sportfrisch.

Was im Dezember stimmte – es gab damals wirklich nirgends Tankwagen mit diesen Getraenken auf der Strasse – muss seit dem Anbruch des Fruehlings revidiert werden: an jede Strassenecke wird in Samara nun Kwas (Medok hab ich noch nicht entdeckt) verkauft. Industrieller Kwas aus Tankwagen und schicken Verkaufsstaenden mit Zapfsaeule oder von Babuschkas zuhause selbst hergestellter in allerlei Flaschen und Behaeltnissen. Das Getraenk ist vor allem kalt sehr erfrischend und eine gute Alternative zu Bier – oder zu Kola. Kwas – eto ne kola!

Die Schweiz in Russland

 

Neulich in Saratov: ich stand an der Bushaltestelle und meinte, meinen Augen nicht zu trauen, fuhr doch anstelle eines der üblichen russischen Busse tatsächlich ein original schweizer Postauto vor. Für Nichtschweizer: Postautos sind Regionalbusse, welche von der Schweizerischen Post betrieben werden und neben dem Personentransport zumindest früher auch dazu dienten, die Post von den Regionalzentren in die Dörfer zu verteilen. Stand da also dieses Postauto des Regionalverbundes Aargau und gab vor, einen Bus der Linie 11 zu verkörpern. Wie seltsam.

Nur Minuten später – die Busse verkehren hier zum Teil im 30 Sekunden Takt – wurde es noch seltsamer, kam doch ein merkwürdig bekannt aussehender blauer Bus angerollt: Mercedes, marineblau mit weissen Streifen? Genau, ein Bus des VBZ, der Verkehrsbetriebe Zürich, komplett mit Werbeaufschrift für das ‘Automobilcenter Zürich JHKeller AG’. Danach ging es Schlag auf Schlag: ein Postauto ‘Zürich’, ein weiterer VBZ Bus, zwischendurch mal einer französischen, ungarischen oder deutschen Ursprungs (‘Mit dem Bus zum Zoo Heilbronn’) und zuguter letzt noch einer des Verkehrsverbundes Zürcher Oberland, innen komplett mit Liniennetz-Plan, der Infothek mit alten Fahrplänen (später sah ich einen mit der kompletten Fahrplan Palette) und der Warnung ‘Bitte kein Geld aus dem Fenster werfen’ (Schwarzfahren kostet 80 CHF).

Die Busse waren übrigens in tipp toppem Zustand und man kann nur rätseln, warum sie auf einmal in der russischen Provinz verkehren und auf welchen Wegen sie sich hierhin verirrten. Eine Nachfrage VBZ ergab folgendes:

Sehr geehrter Herr Burkardt

Vielen Dank für Ihre Kontaktaufnahme. Die Situation muss recht komisch sein und bringt uns zum schmunzeln.

Ein VBZ-Bus hat etwa eine Lebensdauer von 10 – 12 Jahren, danach wird er ausgemustert und verkauft. An seiner Stelle wird ein neuer, modernerer Bus gekauft der dann den Betrieb aufnimmt.

Oftmals werden die Busse dann im neuen Land nicht umgestrichen, weshalb Sie die VBZ-Busse in Russland gesehen haben. Wir hoffen, die Busse wecken in Ihnen angenehme Erinnerungen an die Heimat und wünschen Ihnen einen guten Einsatz.

Freundliche Grüsse

Verkehrsbetriebe Zürich

Jeanette Bruder
Kundenservice

3 Monate im Land der Zwerge

 

Seit rund drei Monaten arbeite ich nun schon als Hilfkraft in einem Kindergarten, wo ich mich zur Hauptsache mit Akim, einem sechsjährigen, autistischen Jungen beschäftige. Zeit eine kurze Bilanz zu ziehen.

Im Kindergarten arbeite ich hauptsächlich mit vier Personen zusammen, den beiden rund vierzigjährigen Erzieherinnen Natalja Genadina und Vera Ivanovna sowie deren Helferin Tatjana Genadina, welche unsere rund 30-köpfige Gruppe betreuen und der rund 20-jährigen Psychologin Tanja. Neben diesen gibt es noch die Erzieherinnen anderer Gruppen, je eine Mathematik-, Musik-, Sport- und Zeichenlehrerin sowie technisches und Verwaltungs-Personal.

Mit dieser Besetzung läuft jeder Kindergartentag prinzipiell sehr ähnlich ab. Nach dem Frühstück um halb neun, welches im gruppeneigenen Spiel- und Esszimmer eingenommen wird, begibt sich die Gruppe ins Schlafzimmer zum ‘utrennij sbor’, der morgendlichen Versammlung. Dort sollten die Kinder ruhig in einem Kreis sitzen, sich begrüssen, den Tagesablauf anhören und meist einige Fragen beantworten. Sehr ulkig sind dabei die Antworten der Kleinen. Auf ‘Was ist heute für ein Tag?’ kann gut ein ‘Winter’, ‘März’ oder ‘Sonntag’ kommen und bei den Monaten tippen sie auch gerne mal ein halbes Jahr daneben.

Nach der meist hektischen Versammlung folgt der Rest des sehr strikten Tagesablaufs: in wechselnder Abfolge Mathematik-, Musik-, Sport- und Zeichenstunden, Spazieren im Hof des Kindergartens, Mittagessen, Mittagsschlaf. Dies alles wird durchbrochen von kurzen Aufenthalten im Gruppenzimmer ohne fixes Programm, während deren die Kinder machen können, was sie wollen: einige zeichnen, andere spielen etwas und manche wissen nichts mit sich selbst anzufangen und machen darum Radau. Alle Ernsthaftigkeit und Strenge nützt nichts, wenn diese Rasselbande in Fahrt kommt. Sei einfacher gewesen früher, meinen meine Arbeitskolleginnen, mit ruhigeren, folgsameren Kindern.

Am Rande dieses Geschehens nun bewege ich mich mit Akim. Wann immer möglich und von den Erzieherinnen zugelassen, versuche ich mit Akim das Tagesprogramm mitzumachen. Eine längere, wirklich konzentrierte Beschäftigung ist mit ihm aber in der Gruppe meist unmöglich, da seine Aufmerksamkeit zu leicht abgelenkt wird, er zu gut andere ignorieren kann und Lärm und Hektik generell nicht mag. Für die Lehrerinnen selbst ist es aufgrund der grossen Anzahl Kinder unmöglich, Akim die Aufmerksamkeit zu schenken, die er benötigen würde – schliesslich sind die anderen Kinder auch nicht alle brave Schäfchen.

So verbringen wir die meiste Zeit beim Spielen, d.h. Akim spielt, meist mit einem Spielzeugauto, mit welchem er durch den Raum oder den Hof flitzt, und ich schaue, dass er dabei nichts Dummes anstellt. Aktiv mit jemand anderem spielt er nicht und lässt er sich bisher auch nicht zu neuen Spielen anregen. Darum und wohl auch, da er nicht spricht und meist ziemlich wirr vor sich hin plappert oder singt haben sich bisher auch noch keine Freundschaften mit anderen Kindern gebildet. Diese akzeptieren ihn zwar grösstenteils, versuchen aber nur selten, ihn in ihre Spiele einzubeziehen.

Bei mitterweile schönem Frühlingswetter spielen wir nun meist den ganzen Morgen im Hof, wobei hier ‘spielen’ für Akim mit ‘rumrennen’ gleichzusetzen ist. Beschäftigen sonst alle Kinder der vier Gruppen in ihrem Viertel des Hofes, flitzt Akim wie ein Wilder von einer Seite zur anderen und versucht, auf alle möglichen verbotenen Objekte (Feuertreppen und ähnliches) zu klettern. Das Wort ‘verboten’ zu verstehen üben wir noch. Verbiete ich ihm etwas (kommt im Fünfminutentakt vor), kreischt er, hüpft rum, lässt sich auf den Boden fallen und versucht abzuhauen und es erneut zu probieren. Zwischendurch setze ich ihn an einen Sandkasten und manchmal beschäftigt er sich dort für einige Minuten.

Gut an den Aufenhalten im Hof ist, dass Akim dort nicht mehr dauernd durch seine Zahlenfixierung abgelenkt wird. In Gruppenraum hat er oft im mehrmals pro Stunde machanisch alle (nummerierten) Handtücher der Kinder durchgezählt, wobei er nicht über zehn zählen kann und 15 zu eins-fünf (32 zu zwei-drei; die kleinere Zahl zuerst) wird. Stoppe ich ihn dabei, tobt er rum, bis ich ihn zuende zählen lasse. Auch Ziffern an den Wänden oder Uhren zählt er sehr oft mechanisch durch, wozu er auch oft anderen Beschäftigung abbricht und nicht mehr wieder aufnimmt.

Am meisten profitiert Akim vermutlich von den Sitzungen mit der Psychologin, welche sich mit grosser Ausdauer neue Ausgaben für ihn ausdenkt, welche er an weniger guten Tagen einfach in Schreien und Toben untergehen lässt, an guten Tagen manchmal widerwillig mitmacht. Auch eine Logopädin beschäftig sich von Zeit zu Zeit mit Akim; im Moment versucht sie ihm beizubringen, einem anzuschauen, wenn man mit ihm spricht. Daran arbeite ich auch schon eine Weile.

Die letzten drei Monate haben zwar aus Akim noch keinen Musterschüler und aus mir noch keinen Pädagogen gemacht; ich glaube aber, wir profitieren beide von unseren gemeinsamen Morgen und zwischendurch macht uns das ganze trotz der Rennerei und Verbieterei auch mal richtig Spass. Und dass das einzige Wort, welches Akim neben Zahlen regelmässig sagt, ‘Sascha’ ist, deute ich auch nicht als allzu schlechtes Zeichen.

Anmerkung: aufgrund meines mangelhaften Wissens und meiner verschwommenen Erinnerungen konnte ich leider keine Vergleiche mit Kindergärten in der Schweiz und den dortigen Gepflogenheiten bezüglich der Integration von Behinderten ziehen kann. Gerne nehme ich jedoch Eure Erfahrungsberichte oder Anregungen für den Umgang mit Akim als Kommentare oder per Mail an ale(at)sirruf.net entgegen.

Alexanders neues Projekt

 

 

Name Alexander Burkardt

Aus Schweiz

Alter 30

Vorheriges Projekt Alliance Francaise de Samara / Swallows (ICYE Russland)

Neues Projekt Der Kindergarten Nr. 234.

Projektziel Jede der vier Gruppen des Kindergartens beherrbergt ein oder zwei behinderte Kinder (je nach Betreuungsaufwand), um diese in einer Art integrativer Therapie zu betreuen oder auf die Schule vorzubereiten – und natürlich auch, um deren Eltern zu entlasten.

Projekt Mitarbeiter Rund 30 Leute: Lehrerinnen, Psychologinnen, Logopädinnen, Köchinnen, Buchhalterinnen und Verwaltungsmitarbeitende, Hausabwarte.

Meine Arbeit Ich betreue in unserer Gruppe, welche aus rund 30 Kindern zwischen 4 und sechs Jahren besteht, Akim, einen sechsjährigen autistischen Jungen. Akim ist das einzige behinderte Kind in unserer Gruppe.

Er spricht nicht aber zählt leidenschaftlich gerne – auf Russisch oder selten Englisch, wobei er komischerweise die englischen Zahlen besser ausspricht als die Russischen. Auf Russisch heisst das bei ihm ‘iti, püti, titi, tschiti…’ statt ‘adin, dwa, tri, tschetiri…’. Die mangelnden Sprachfähigkeiten gleicht er mit umso mehr Energie aus.

Er rennt rum wie eine Rakete, packt sich irgendwelche Spielsachen, schmeisst diese rum und ist schon wieder am nächsten Ort, bevor ich ihn stoppen konnte. Es ist schwierig, ihn dazu zu bringen, sich auf etwas länger als ein, zwei Minuten zu konzentrieren und vor allem, etwas zu machen, was ihm nicht in den Kram passt.

Ansonsten besteht meine Arbeit im Kindergarten – sofern Akims Stimmung das zulässt, d.h. Zeit für andere Kinder bleibt – aus allem, was man mit Kindern halt so machen muss: beim Zeichnen, Basteln und Spielen helfen, Mützen und Jacken zu knüpfen, im Schnee rumtoben, mitspielen und zwischendurch auch mal den Finger heben.

Was gefällt dir an deiner Arbeit Die Arbeit mit Akim und die anderen Mitarbeiter im Kindergarten, welche ausserordentlich nett, hilfsbereit und vor allem interessiert sind.

Was misfällt dir Die Kinder am Mittag zum Schlafen zu bringen zu versuchen – von eins bis drei wäre Mittagsschlaf. Die Kinder machen Unsinn und wollen nicht einschlafen während mir die Augen zufallen.

Probleme Viele Kinder sehen in mir nicht einen ‘Lehrer’ sondern ein grosses Spielzeug – eines, das nicht kaputt gehen kann…

Wie viel Zeit verbringst du im Projekt Meist von halb neun bis 15 Uhr.

Unterwegs mit dem Velo

 

Name Fahrrad; gut Schweizerisch auch ‘Velo’ genannt
Fahrzeugtypen wenige
Design Meist moderne Billigmountainbikes. Gab es keine sovjetischen Fahrräder?
Geschwindigkeit unbekannt
Kapazität bis 2 Personen
Komfort unbekannt
Fahrer sportlich
Halt! jederzeit
Preis unbekannt
Bezahlt -
Misc Gehören Fahrräder in Brüssel, Köln oder Zürich zum Stadtbild, fährt hier in Samara kein Mensch Fahrrad! Ich sehe vielleicht alle zwei Wochen mal einen einsamen Fahrradfahrer. Jetzt bei Schnee und Eis (praktisch ohne Winterdienst) einfach verständlich, im Spätsommer und Herbst weniger. Schneller als mit Tram und Trolleybus wäre man mit dem Fahrrad alleweil.