So 5 Mrz 2006
Maslennitza, die Butterwoche
Geschrieben von Alexander unter News
Am fünften März feierte Samara und ganz Russland den Höhepunkt der Maslennitza, der Butterwoche. Sie markiert - trotz Kälte und einem Meter Schnee - das Ende des Winters und den Beginn des Osterfastens, sieben Wochen vor dem Osterfest. Vor der Christianisierung Russlands war die Butterwoche dem Gott Weles (zuständig für Landwirtschaft und Vieh) gewidmet und fand am Tag der Sonnenwende statt, danach wurde das Datum des Festes vom Osterdatum abhängig gemacht. Nach christlichem Brauch darf in der Butterwoche, der letzten Woche vor der Fastenzeit, noch Milch, Käse, Fleisch und Eier gegessen werde. In Russland ist die Hauptspeise dieser Woche Pfannkuchen (Blini), weshalb uns Maslennitza auch als ‘Fest der Blinis’ angekündigt wurde.
Traditionellerweise hatte während der Butterwoche jeder Tag seinen eigenen Namen und seine eigene rituelle Bedeutung:
- Montag: Das Treffen. Beginn der Butterwoche. Verwandte besprachen den gemeinsamen Ablauf der Woche. Anfertigen einer Puppe (die ebenfalls Maslennitza heisst) und Bauen von Eisfestungen, auf welchen rituelle Schlachten, die an die Napoleonschen Kriege erinnern sollen, ausgetragen werden.
- Dienstag: Spieltag. Die Leute Beginn der Schlachten aber auch Gesang und Tanz.
- Mittwoch: Leckermaltag. Schwiegersöhne besuchten ihre Schwiegermütter und assen bei ihnen Pfannkuchen.
- Donnerstag: Breiter Donnerstag. Karneval-ähnlicher Umzug durch die Strassen. Die Masken der Teilnehmer zeigten den bösen Winter und den freundlichen Frühling.
- Freitag: Schwiegermutter Abend. Schwiegersöhne luden die Schwiegermütter ein.
- Samstag: Schwägerinen-Sitzung. Frauen besuchten ihre Schwägerinnen und überreichten ihnen verschiedene Geschenke. An diesem Tag verbrannte man traditionellerweise auch die am Montag gebastelte Puppe, mit der Hoffnung der Frühling käme so schneller. Die Asche der Puppe wurde auf den Feldern verstreut, wodurch man sich ein erntereiches Jahr erhoffte.
- Sonntag: Verzeihung. Ende der Butterwoche. Zerstören der Eisfestungen. Verwandte und Bekannte besuchten sich und baten einander um Verzeihung für allerlei Untaten und Vergehen des vergangenen Jahres.
Heutzutage befolgen nur noch wenige Leute alle Traditionen der Butterwoche. Meist werden nur noch Pfannkuchen gegessen und das Sonntagsfest, an welchem entgegen der Traditionen auch die Puppe angezündet wird, besucht.
In Samara feierte man dieses Sonntagsfest auf verschiedenen öffentlichen Plätzen, der grösste der verschiedenen Festakte fand auf dem zentralen Kubishev Platz vor dem Opernhaus statt. Im Zentrum des Platzes stand auf einem Schneehaufen die etwa fünf Meter hohe, aus Holzlatten und Stoff gefertigte Puppe in einem Kreis von grossen Besen. Ansonsten gab es neben einer Bühne keine offiziellen Bauten oder Dekorationen. Um 14 Uhr war der Platz - laut offiziellen Informationen immerhin der grösste Platz Europas - und einige der umliegenden Strassen übervoll mit Leuten. Das Fest scheint ernst genommen und geschätzt zu werden. Zum Vergleich: an Silvester fanden sich vermutlich kaum ein Zehntel so viele Leute auf dem Kubishev Platz ein, trotz einzigem offiziellem Fest und gratis Konzerten. Bis 15 Uhr passierte dann allerdings nicht viel - auch keine Spur von den angekündigten gratis Blini. Man stand also rum, trank etwas oder fuhr eine Runde mit dem Pferdeschlitten.
Kurz nach 15 Uhr wurde dann ohne grosse Zeremonie die Puppe angezündet, welche wegen der leichten Bauweise innerhalb weniger Minuten niederbrannte. Nach dem dem Abbrennen der Puppe spielte eine traditionell angehauchte Truppe eine Konzert, wozu einige der fröhlicheren (oder alkoholisierteren) der Festbesucher tanzten. Interessanter war jedoch die massive Schneeballschlacht, welche gleichzeitig mitten auf den Platz begann. Einige Dutzend Leute jeden Alters schlossen sich nach nach belieben einer der beiden spontan gebildeten gegnerischen Gruppen an, und begannen den Leuten auf der anderen Seite möglichst fies Schnee ins Gesicht oder den Nacken zu schmeissen. Immer wieder lancierte eine Seite, angestachelt durch besonders Mutige (oder Besoffene) einen geschlossenen Angriff auf die Gegner, welcher natürlich zu nichts führte, aber die endlose Schlacht interessanter machte. Hat viel Spass gemacht.
Am anderen Ende der Stadt - so sah ich es später am Fernsehen - hatte man an einem anderen grösseren Fest eine ziemlich grosse Eisfestung gebaut, welche in einem inszenierten Kampf von Männern in nach 18tem Jahrhundert aussehenden Kostümen erstürmt und verteidigt wurde. Danach wurde unter den Festbesuchern ähnlich der Schneeballschlacht auf dem Kubishev Platz stundenlang ein recht handfester Kampf um einen Schneehügel neben der Eisfestung ausgetragen. Sei eine unterhaltsame Prüglerei gewesen, trotz blauer Flecken.


13. März 2006 um 17:12
Sashenka! Seit Ewigkeiten mal was neues! hurra
mir gefällt die idee von dem “Verzeihungs”-Tag nach den ganzen Festivitäten, da kann man sich mit den spielen, blinis usw nochmal kurz so richtig danebenbenehmen…
viele grüße - hier ist es eisig und sonnig und auch allerhand passiert (aber davon ein andermal)
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