Fr 19 Aug 2005
In einem Monat…
Geschrieben von Alexander unter Allgemein
Einen Monat vor der Abreise in den Osten schliesslich den Tiefpunkt erreicht: Einer Bier-Dose (Schützengarten) die Hookline eines Rap-Songs (Be My Girl von Theodore Unit) vorgesungen: ‘I neeeeeeeed you - in a desperate way!’ Naja, von jetzt an kann es nur noch aufwärts gehen, würde ich sagen.
In einem Monat wird diese lange Übergangszeit also endlich um sein und das Projekt Samara - so oft erklärt, so viele Male hinterfragt, so intensiv nicht vorbereitet - endlich zur Realität. Auch wenn diese Pause nicht gerade produktiv verlief, war und ist es sicherlich ein Privileg, ein halbes Jahr lang dem Müssiggang fröhnen zu dürfen und mit der Perspektive eines noch längeren Timeouts - mit finanziell abgefederter Rückkehr in den sicheren Hafen Zürich - in die Zukunft (ok, eine im Moment noch recht vage Zunkunft…) blicken zu können. Vielleicht etwas zu viel Entspannung in der letzten Zeit, richtig. Eine von schweizerischem Sicherheitsdenken motivierte (und vom RAV ermöglichte) fast lethargische Ruhe; Tunnelblick durch Freiheit ohne Kurven, verschwommen glückliche Wochen des Nichtstuns - ambitionslose Zufriedenheit?
Ist es vielleicht gerade das Fehlen beruflicher Ambitionen, welches diese angedeutete Vogelfreiheit ermöglicht hat? Nun, berufliche Motivation und zielstrebige Karriere-Aufbauarbeit gehörten bis anhin nicht gerade zu meinen Hauptstärken. Ambitionen? Karriere? Ich bin schliesslich ein Teil der hedonistischen Party-Generation. Was will man an einer Karriere rumbasteln - gerade in einer selbst gewählten Pause oder, ähem, Arbeitslosigkeit -, wenn das Zentrum des Lebens aus Partymachen besteht? Partymachen als Zentrum? Mit 30? Und in fünf Jahren? Naja, vielleicht substituiert man dann einfach Parties mit einer Prise Wallpaper-Bildungsbürgertum und schmeisst noch eine Handvoll Geld hinten drein - der Hedonismus bleibt bestehen, das Leben macht weiterhin keinen Sinn, dafür immer noch Spass, Spass, Spass. Und damit man bei all diesem Elend in der Welt doch noch ruhig schlafen kann, wird zwischendurch Heinz Rühmann und Beat Richner ein Nötli zugeschickt, damit sie den Negern und Schlitzaugen die Fliegen vom Mund wischen - kann von den Steuern abgezogen werden, befreit das Gewissen und sieht auf den Fotos erst noch besser aus. Wie eklig! In bezug auf 35 in letzer Zeit viel von Kinder kriegen, Famile gründen, Häusle bauen und solchem Schmonz gehört - dem kann ich im Moment wohl nur wenig entgegenhalten.
Als arbeitsloser Faulpelz komme ich mir in diesem Kontext manchmal wie ein leicht ‘aatätschter’ Hofnarr vor, der blöde rumturnt, kindlich-naive Ideen in die Runde kräht und hofft, in der Gruppe graniterner Statuen, welche die Szenerie begutachtet, zeige sich ob der Sprüche irgendwann eine klärende Regung, die den Weg zu neuen Erkenntnissen weist. So kommt mir in bezug auf 35 momentan nur ‘die Welt sehen’ in den Sinn. All diese vergessenen Orte - Tschetschenien sehen, ja, und dann doch immer noch die Idee, vielleicht mal durch eine Arbeit eine etwas bessere Welt zurücklassen zu können. Wie naiv! Bei aller Übertreibung bleibt die Frage, wie man den Schritt zur ernsthaften, integrierten Figur schafft, ohne sich dafür schämen zu müssen, sich täglich nur für die Erhaltung oder Verschlechterung des Status Quo einzusetzen. Ewig auf einer (bis zum Exzess ausgeloteten) Warteposition zu verharren, macht hingegen auch keinen Sinn. Hamlet lässt grüssen.
PS: Wo das Fazit bleibt? Ja wenn ich das wüsste… vielleicht in einem Jahr!
PPS: Warum scheinbar wahllos irgendwelche Phrasen kursiv markiert sind? Als NZZ Abonnent übernimmt man gerne mal das eine oder andere Mödeli. Man hat eben ein gewisses Niveau, god damnit!
