In den nächsten Beiträgen werde ich die öffentlichen Verkehrsmittel Samaras vorstellen. Die ÖVs haben Transportmässig (Überraschung!) eine Schlüsselfunktion für mich, zeigen aber auch schön, wie sich mein Russisch und mein Verhältnis zur neuen Umgebung weiterentwickelt hat. Verstand ich in den ersten Tagen von den Durchsagen im Tram kein einziges Wort und war während der Fahrt nahe an Dauerpanik – ‘bin ich im richtigen Tram?’; ‘nein, jetzt bin ich sicher falsch!’; ‘ok, jetzt bin ich totsicher falsch, aber ist ja auch egal…’; ‘oh, ist das nicht DOCH meine Station?’ -, fühle ich mitterweile ziemlich wohl, benutze locker 15 verschiedene Linien sicher und auch mit einer gewissen Entdeckungsfreude. ‘Nummer 625? Hab ich hier noch nie gesehen! Aber schaun wir trotzdem mal rein.’ Schnell die Haltestellen auf der Seite lesen oder die Tür öffnen und die Insassen fragen und rausfinden, ob man einsteigen kann. Hopp!

 

Name Marschrutka (Minibus)
Fahrzeugtypen einer. Ein Minibus des Typs GAZel
Design Ein schnörkelloser Minibus ohne Schnickschnack. Leicht abgerundete Fromen. Meist gelb, manchmal weiss, selten schwarz. Zum Teil mit Werbeaufdruck. Manche Marschrutkas tragen auf den Dach eine Leuchtanzeige, welche die Linien-Nummer und einige Haltestellen anzeigt.
Geschwindigkeit Je nach Verkehrsaufkommen meist recht flott. Immer um einiges schneller als Busse.
Kapazität 13 Personen
Komfort Niedrig. Die Scheiben der Marschrutkas sind oft abgeklebt, weshalb man nicht rausschauen kann. Die Platzverhältnisse sind eingeengt, die Tür niedrig, ebenso die Fenster. Dank 1.96m Körpergrösse sehe ich so nur die Strasse und nicht die Umgebung. Ein- und Aussteigen bedeutet Durchzwängen. Ist die Marschrutka nicht voll, wird man ziemlich durchgeschüttelt.
Fahrer sind immer Männer.
Halt! Hält an allen Haltestellen, wenn man dies dem Fahrer vorher ankündigt. ‘Na astanovkje paschaluista’ (an der Haltestelle bitte) oder ‘na sledujuschej astanavitje’ (bei der nächsten halten sie) kann dies zum Beispiel heissen. Marschrutkas und Busse fahren die gleichen Haltestellen an. Auf einer bestimmten Linie können sowohl Busse, als auch Marschrutkas verkehren, d.h. es gibt z.B. sowohl ‘23er’ Busse, als auch Marschrutkas, vermutlich aber insgesamt viel mehr Marschrutkalinien als Buslinien.
Preis 7 bis 15 Rubel. Meist 10 Rubel.
Bezahlt wird beim Fahrer nach dem Einsteigen. Sitzt man gleich hinter dem Fahrer, reicht man ihm das Geld über den Sitz nach vorne – ‘vasmitje! (nehmen sie!). Der Fahrer greift sich dieses zwischen Steuern, Gangschalten und am Radio Rumfummeln geschickt und gibt auch im grössten Stossverkehr gelassen das Wechselgeld (und selten Tickets) mit einer Hand zurück. Sitzt man in der Marschrutka weiter hinten, gibt man das Geld einfach an vorne sitzende Passagiere weiter – ‘peredaitje!’ (geben sie weiter!). Die Sitze direkt hinter dem Fahrer sind bei Russen unbeliebt, weil einem alle anderen Passagiere anschauen (können) und man dauernd Geld zwischen Passagieren und Fahrer hin und her reichen muss.
Misc Marschrutkas sind ein relativ neues Transportmittel. Sie wurden erst vor etwa fünf Jahren eingeführt, um die chronisch überlasteten öffentlichen Verkehrsmittel, vor allem die Busse, zu entlasten. Wenn man sieht, wie vollgestopft beliebte Buslininen in der Stosszeit heute noch sind, kann man sich nur schwer vorstellen, wie das ganze ohne die nun operierenden hunderten von Minibussen aussah. Auch jetzt noch wartet man gerne mal eine halbe Stunde auf eine Marschrutka mit einem freien Platz.
Marschrutkafahrer arbeiten meist auf eigene Kasse, d.h. das eingenommene Geld ist gleichzeitig ihr Lohn. Manche besitzen ein eigenes Fahrzeug, andere mieten dieses von seinem Besitzer. Das gleiche gilt für viele der privaten Busse.
Auch wenn die Leute in Marschrutkas meist verschlossen abwesend dasitzen, löst eine Frage nach der nächsten Station oder dem richtigen Weg oft eine kurze, lebhafte Diskussion unter den Passagieren aus. Das bisher beste Marschrutka-Erlebnis: Als ich einmal ein paar Rubel beim Weiterreichen an den Fahrer zwischen den Sitzen verlor und diese (natürlich – war schliesslich meine Schussligkeit) selbst ersetzte, dankten mir die Leute dies mit zwei Äpfeln.