Eine Woche im Frost

Waren wir dem russischen Winter auch schon einige Zeit ausgesetzt (siehe: erster Schnee) und schon einige Male mit eher unerfreulichen Temperaturen konfrontiert (zum Beispiel bei unserem Ausflug nach Ufa), so liess doch der angekündigte Höhepunkt lange Zeit auf sich warten. Letzte Woche jedoch – einem Zyklon sei Dank, welcher uns einen ersten Kälteschub bescherte – endlich die viel gehörten minus 35 Grad! Von angenehm milden minus fünf Grad am vorletzten Samstag fiel das Thermometer in zwei Tagen auf unter minus 30. Steht man minus 15 problemlos mit Handschuhen und Mütze durch und minus 25 mit einem zweiten Paar Hosen, drei Paar Socken, zwei Pullovern und einem Schal, scheint unter minus 30 nichts mehr so wirklich zu nützen. Diese Kälte war in den ersten paar Minuten überraschend und interessant (so im Stil von: ‘huch, das ist es jetzt also?’), danach aber nur noch giftig, beissend, gemein, schmerzhaft, lähmend. Auch für die Russen. Ging man abends um sechs aus dem Haus, hatte man das Gefühl, es müsse weit nach Mitternacht sein: dunkel, kein Mensch auf der Strasse, keine Autos, Totenstille. Unter den wenigen Passanten kam ein ganz neues Solidaritäsgefühl auf: man warnte sich gegenseitig, wenn Nasenspitzen zu weiss und kurz vor dem abfrieren waren oder hielt sich mit kurzen Boxkämpfen warm. Nach acht Uhr abends war die Stadt dann vollkommen ausgestorben. Keine Busse, keine Marschrutkas, nur noch einige Taxis, welche wohl das Geschäft des Jahres machten. Swallows gab denn auch allen Freiwilligen für ein Woche Kältefrei, d.h. eine Woche in der warmen Küche sitzen und Tee trinken.

Warme Küche? Hatte ich mich an verschiedenen Stellen über die überheizten russischen Wohnungen beklagt, zeigten sich bei diesen Temperaturen die Qualitätsunterschiede der Wohnungen ein erstes Mal sehr direkt. Blieb Charlottes Wohnung auch bei leicht geöffnetem Fenster noch über 25 Grad warm, fiel die Temperatur in der Wohnung von Sander und mir unangenehm ab – trotz mit Klebeband zugeklebten Fenstern. Der Gasherd oder offenen Backofen mussten zwischendurch nachhelfen. Bei anderen, z.B. Nadine in Toljatti, gefroren sogar die Bierflaschen in der Küche.

Mitte der Woche dann der Höhepunkt des Kälteschubs: ein christliches Taufritual. Dabei wird ein Loch in die Eisdecke der Volga geschnitten, das Wasser von einem Priester gesegnet und nach Mitternacht des 19. Januar ein Bad im eisigen Wasser genommen: sich die Kleider vom Leib reissen, Zähne zusammen beissen, ins Wasser steigen, drei Mal untertauchen und zurück zum Betreuerteam, welches einem mit klammen Fingern möglichst rasch anzukleiden versucht – gar nicht so einfach, einen Hosenknopf zu zuknöpfen, wenn einem nach 30 Sekunden ohne Handschuhe die Finger abzusterben drohen. Soll aber sehr gesund sein, dieses Abenteuer.

Gegen Ende der Woche hatten wir dann wieder angenehme minus 20 Grad – kommt einem richtig frühlingshaft vor!

Ein Gedanke zu “Eine Woche im Frost

  1. vorschlag:
    mehr reissverschlüsse für christen, knöpfe taugen alleweil für die ungläubigen!