Wie haben die Menschen das früher gemacht? Da war es morgens bitter kalt im Haus und niemand konnte ein Fingerchen rühren, wenn sich nicht einer erbarmte und sieben Treppen hinabstieg in den Keller zum Kohlen holen. Das ist jetzt vielleicht ein bisschen überdramatisiert, manchmal war es auch nur eine Treppe. Bis heute sollen aber noch ganze Landstriche Deutschlands auf Buller- und Kachelofen angewiesen sein. Die Leute da haben wahrscheinlich auch bei guter Gesundheit und sind so zufrieden, wie man es als Deutscher nur sein kann. Bei all jenen aber, die mit Zentralheizung aufgewachsen sind, erblühen an allen Extremitäten Eisblumen, wenn die Zimmertemperatur auch nur minutenweise unter 21 Grad sinkt. Eisblumen sind eine frostige Decke, sie töten zarte Pflänzchen wie Kreativität und Entspanntheit.
Deshalb loben wir nun, im voll hereingebrochenen Herbst, Franz Karlowitsch Sangalli. Wenn russischen und italienischen Zeitungen zu glauben ist, erfand dieser italo-russische Heros vor 150 Jahren den Prototyp des modernen Heizkörpers. Dass ihm diese Idee nicht unter arkadischer Sonne, sondern in der westrussischen Wolgastadt Samara kam, überrascht nicht. Die Samarer giessen ihr Lob für Sangallis Erfindung allerdings nicht allein in wohlfeile Worte, sonder in Erz: Der Bildhauer Nikolai Kuklew wird im Auftrag der Stadt die überdimensionale Bronzeskulptur eines gerippten Heizkörpers schaffen, auf dem sich’s eine Bronzekatze bequem macht. Beheizbar wird das Werk voraussichtlich nicht sein, dafür aber, wie böswillige Korrespondenten meinen, die erste Heizung in der russischen Geschichte, die nicht rostet. Andere sagen, es wäre kostengünstiger gewesen, gleich alle russischen Heizungen unter Denkmalschutz zu stellen, verdient hätten sie es allemal.
Solchem Zynismus mag sich anschliessen, wer will. Es geht ja nicht nur russische Heizkörper, sondern um die selbsttätige Heizung als Idee. Unaufdringlich, bisweilen freundlich gluckernd tut sie ihrern Dienst, muss nicht beschickt oder befeuert werden, nur ab un zu entlüftet.

Aus der Süddeutschen Zeitung vom 20. Oktober 2005. Credits für das Auffinden gehen an Dorothee Fiedler.

Aussicht aus dem Wohnzimmer Anmerkungen: Ob ich hier nur ein Modell der Skulptur oder schon das angekündigte überdimensionale Original abgelichtet habe, kann ich nicht sagen. Das Ding, auf welches ich nur zufällig traf, ist ca. zwei Meter hoch und befindet sich im Zentrum Samaras beim Eingang einer Fabrik an der Wolga, welche ich bis jetzt für eine Bierbrauerei hielt. Neben der Skulptur befand sich eine erklärende Plakette. Allerdings war es mir zu kalt, diese abzuschreiben und später zu übersetzten und dem Fotoapparat zu kalt, sich ein zweites Foto entlocken zu lassen. Die Auflösung vielleicht im Frühling.

Und: Wie mir erst hier richtig klar wurde, gehört auch Herrn Danfoss (falls er es denn war - ok, den gibt es nicht mal! vielleicht gebührt der Ruhm ihm?) ein schönes grosses Bronze-Denkmal aufgestellt, nämlich für seine Erfindung des selbstregulierenden Heizungsventils, welches die Zimmertemperatur eben ohne grosse Eingriffe wirklich immer auf 21 Grad (oder gesündernen 19) hält. Russen kennen ja – in Wohnungen, Büros, Bussen, Autos – nur eine Heizstufe, nämlich ‘an’. Dies führt, wie schon mehrmals beklagt, zu völlig überheizten Räumen und treibt mich im kalten Russland zu etwas ganz Neuem, nämlich einem merkwürdigen, leicht schizophrenen Hang zum Nudismus.