Die letzten zehn Tage war ich von Alliance Francaise in ein Sprachlager für reiche Kinder im Alter von acht bis 15 Jahren abkommandiert. Reich? Nun, das Ausflüglein kostete, wie ich am zweitletzten Tag herausfand, pro Kind 8000 Rubel (ca. 400 sFr. oder 250 Euro), was bei einem Durchschnittseinkommen von 7700 Rubel in Russland, d.h. vermutlich einiges unter 7000 in Samara, ein kleines Vermögen ist - und man hat hier nicht einfach mal einen Monatslohn für Müssiggang übrig. Die Eltern der Kinder waren dann auch durchwegs Direktoren, Politiker, Manager… Mit der Idee, etwas Karitatives zu tun nach Russland kommen und dann zehn Tage lang den Hampelmann für die Sprösslinge der Oberschicht machen? Na bravo!

Aber das ganze von Anfang an: Das Lager fand in der Nähe von Novokubishevsk, einer grösseren Stadt rund eine Stunde südlich von Samara statt. Am ersten Tag fuhren wir mit einem Bus (der normalerweise wegen der kostbaren Fracht von zwei Polizeiautos eskortiert würde, wie man mir erzählte - warum diesmal nicht?) vom Zentrum Samaras über den Samara-Fluss und via Kubishevski Rayon (ein Aussenquartier, auch 116ter Kilometer genannt) in das ‘Sanatorium’, welches uns für die Dauer des Lagers beherbergen sollte. In der Umgebung von Novokubishevsk scheint es Öl zu geben, was sich einerseits in massiven düster-schmutzigen Industriekomplexen mit riesigen weiss-roten Kaminen und den charakteristischen ‘Fackel-Türmen’ zeigte, aber auch darin, dass einem Logos von vielen bekannte Ölfirmen (u.a. auch die fast omnipräsente Jukos, der Firma von Chodorowski) begegneten und man das Wort ‘Neft’ (Öl) überall las, z.B. in Namen von Sportclubs, Strassen oder Firmen-Beschreibungen (z.B. Neft-Transport).

Das Sanatorium befindet sich vielleicht zwanzig Busminuten ausserhalb der Stadt in einer einer kleinen, heruntergekommenen Siedlung, welche auf den ersten Blick wie ein verwahrlostes Industriequartier aussah, inmitten einer braunen, ausgetrockneten, flachen Steppen-Landschaft, durchzogen von auffallend vielen Hochspannungsleitungen und den üblichen wattig isolierten Röhren (vermutlich die Fernheizung) mit U-förmig nach oben gebogenen Durchlassen für Strassen oder Feld-Zufahrten. Nun, auf den zweiten Blick stellte sich heraus, dass diese Ansammlung von rund zehn drei- bis vierstöckigen Gebäudekomplexen nicht ein Industriequartier, sondern sozusagen ein Kurort ist. Die meisten Gebäude sind mit ‘Prophylaktorium’ oder ‘Sanatorium’ angeschrieben, wobei der Zustand der Häuser und deren karge Umgebung eher wenig Vertrauen in die Effektivität der angebotenen prophylaktischen Behandlungen zu wecken vermögen. Kurz: das Lager fand an einem äusserst merkwürdigen, trostlosen, verluderten, schäbigen kleinen Ort inmitten einer ebensolchen Umgebung statt. Gut gewählt, Alliance!

Die halbe Wahrheit vom Zimmer aus

Die ganze Wahrheit vom Dach

Das Ziel des Lagers war es, den etwa 25 Kindern in zehn Tagen zwei Sprachen (Deutsch, Französisch oder Englisch standen zu Auswahl) zu vermitteln. Zu diesem Zweck standen jeden Tag drei Stunden Sprachunterricht auf dem Programm; ich ‘unterrichtete’ ohne Ankündigung und entsprechend ohne Vorbereitung oder irgendwelches Material Deutsch. Über den Erfolg meiner Lektionen brauche ich wohl nichts zu sagen… Schande! Ein kleines Detail: Da die anderen Lehrer scheinbar mit hundertjährigen Lehrgängen und Wörterbüchern arbeiten, schlichen sich in die verteilten Unterlagen (Texte, Tagespläne, Briefe etc.) unmögliche Wörter ein, z.B. Kührung für Behandlung, Tageordnung für Tagesprogramm oder Aufstand für Aufstehen. Meine Korrekturvorschläge (’es heisst EIN Lager und nicht EINE’) wurden meist mit Begründungen wie ‘klingt besser so’ oder ‘das stand so im Wörterbuch’ abgetan.

Neben dem Sprachunterricht erhielten die (kerngesunden) Kinder täglich zwei Stunden Gesundheits-Behandlung (genannt Prozedur). Um die Art der Behandlung festzulegen, mussten sie vor dem Lager ein ziemlich ausführliches Kranken-Dossier erstellen lassen und dieses am ersten Tag mit einer Ärztin (oder etwas in dieser Richtung) besprechen. Mich wollte Alliance auch so einer Untersuchung mit anschliessender Prozedur unterziehen. Ich weigerte mich aber standhaft, für eine solches Dokument in Russland unnötige Röntgenaufnahmen meiner Lungen anfertigen zu lassen, weshalb schliesslich unsere Bekannte Dina auf dem offiziellen Briefpapier ihrer Kinder-Poliklinik bestätigte, dass ich gesund und in der Lage, Kinder zu unterrichten sei. Spasiba! Nun, die Kinder (und auch einige der Leiterinnen) erhielten also jeden Tag mehrere prophylaktischen Behandlungen, unter anderem Aromatherapie (ein Luftbefeuchter mit Duftessenzen), Hydrothermotherapie (Sauna), verschiedene Massagen, Aquatherapie, Magnetotherapie, Lasertherapie. Eine 21 jährige Leiterin wurde z.B. wegen zu hohem Blutdruck (80 auf 130 - oh Schreck!) mit einer Spritze (oder nur einem Stich? - bin nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe) in den Oberarm behandelt, mit dem Resultat, dass sie danach für einen halben Tag ihre Hand nicht mehr spürte.

In meinen Augen waren diese Prozeduren sowieso für die Katz, da eine allfällige positive Wirkung garantiert durch das nervenaufreibende Interieur des Sanatoriums ruiniert wurde. Dass Russen einen Hang zur Kunterbuntheit haben, sahen wir schon in meiner kleinen Sammlung von (Tapeten-) Mustern. Hier trafen diese aber in einer solch konzertierten Dichte aufeinander, dass ich zwischendurch immer mal wieder das Bad aufsuchen musste, um meine Augen an der (beigen) Badezimmertür, der einzigen einfarbigen Fläche, auszuruhen. In meinem Zimmer z.B. gabt es mindestens 13 verschiedene Muster: fünf verschieden gemusterte Tapeten und acht weitere Muster auf einem Sessel, einem Stuhl, einem Teppich, dem Boden, der Bettdecke, dem Kissen, dem Bettüberwurf, dem Bett. Dasselbe Bild zeigte sich in der gesamten ‘Innenarchitektur’ dieses Gebäudes. Gemusterte Teppiche auf gemusterten Böden treffen auf gemusterte Kacheln (Platten) an den Wänden, an welchen gemusterte Bilder hängen, vor welchen gemusterte Sofas stehen, welche auf gemusterte Vorhänge (mindestens zwei verschiedene pro Fenster) treffen, die von gemusterten Decken hängen. Und natürlich keineswegs in jedem Raum die selben Muster für die selben Elemente. Der reinste Horror!

Zusätzlich zur optischen Belastung war diese Bude auch dermassen überheizt (30 Grad würde ich schätzen), dass man abends richtig weich gekocht war. Dagegen ist die Novo Sadovaja ein Kühlschrank! Ich liefe den ganzen Tag in Sandalen und im T-Shirt rum und mir war immer noch unerträglich heiss. Mörderisch! Trotzdem ging ich am Mittwoch mit den Jungs in die Sauna - endlich das erste russische Banja-Erlebnis! Die Saunakabine sah aus wie ein in die Mitte eines türkis gekachelten Schlachthofes gestellter, behelfsmässiger zusammengenagelter Bretterschuppen, wobei ein grosser rostiger Käfig den grössten Teil des Innenraums einnahm. In diesem Käfig befand sich der Ofen, welcher mit grossen rostigen Maschinenteilen, alten weissen Keramik-Lampenfassungen und diesen Keramik-Isolations-Dingern, welche man bei uns auf alten Telefonmasten und Stromleitungen sieht, gefüllt war. Diese ersetzten wohl die sonst üblichen Steine (normal sei eine solche Befüllung keineswegs, sagte man mir). Nach fünf sehr heissen Minuten - viel heisser als von zuhause gewohnt - ging es zur Abkühlung ins hauseigene ‘Schwimmbad’, welches zwar eher wie eine Kühlwasserbehälter eines Reaktors oder ein Laugebecken eines Chemiewerks aussah, aber seinen Zweck erfüllte. War zwar nicht gerade der super-entspannende Sauna-Nachmittag, hat aber trotzdem Spass gemacht.

Neben Sprachunterricht, Prozeduren und Saunagängen bestanden die Tage im Lager aus irgendwelchen Spielen am Nachmittag, meist mit dem Hintergrund, ein Monster namens ‘Nouveau Riche’ (fand ich zu Beginn ulkig, mit dem Hintergrund, dass dies alles reiche Kinder waren, scheint das aber schon ziemlich schizophren! crazy Russians!) zu suchen, und Tanz- oder Singaufführungen am Abend, für welche nachmittags kleine Nummern einstudiert wurden. Beim Abendprogramm fuhren die Kinder und Leiterinnen aufgebombt in Schminke und Ausgeh-Garderobe auf: Highheels, fesche russischen Stiefel, Superkurz-Miniröcke, transparente Tops oder richtige kleinen Abendkleider. Ohne Styling und unrasiert habe ich trotzdem mit den mir zugeteilten Harry Potter Nummern (russisch: Garry Potr) und bei einem Tanzwettbewerb ziemlich abgeräumt, was mich in der Beliebtheitsskala der Kinder weit noch oben katapultierte und zur Folge hatte, dass diese für die Dauer des Lagers auf mir rumkletterten, mich ansprangen, mir auflauerten, mich rumhetzten - that kinda shit. Für die meisten Kinder war ich übrigens ‘Schurik’. Die Russen haben ja einen ausgeprägten Hang zu Kosenamen, weshalb ich hier nie Alex heisse, sondern Aleksandr, Sascha, Saschenka, Aleksaschka oder eben Schurik - ganz klar mein Favorit, wobei ich aber immer noch nicht sicher bin, ob mich die Kinder verarschten und mir was ganz Übles an den Kopf warfen. Mit den Russisch ist es echt noch so eine Sache.

Was man auch ohne Sprachkenntnisse gut versteht, ist die lokale Küche: In einem Lager, wo man ernährungsmässig gewissermassen entmündigt ist, spielt das einem aufgetischte Essen für das Gemeinwohl und die Stimmung eine nicht zu unterschätzende Rolle. In unserem Fall kann ich dies mit einem von mir zusammengebröselten russischen Satz, welcher bei den Kindern sehr gut angekommen ist, zusammenfassen: Povar gatovil dlja svini (der Koch kochte für Schweine).

Die Menus setzten sich immer aus folgenden Hauptbestandteilen zusammen:
- Würstchen (nur zum Frühstück), Hackfleisch-Bällchen, Poulet (Hühnchen: ein ganzes Hühnerbein), geschnetzeltes Fleisch oder ein Block Fisch mit
- Teigwaren (fettig), Kartoffelstock (Püree) oder etwas in Richtung Buchweizen (auch fettig)

Dazu gab es
- zum Frühstück: Haferschleim, eine Art Frischkäse-Quark-Schleim, Eierschnitten (eine industrielle Zwischenstufe von Rührei und Souflé?) oder Kombinationen davon (z.B. Eierschnitten mit Hackfleisch und Nudeln drauf). Dazu Brot, Butter (mit einem Messer für fünf Personen) und Kakao (mit Pelz).
- zum Mittagessen: Suppe (meist recht lecker), ein kleiner russischer Salat (gewürfeltes Gemüse mit Mayonnaise) und ein Glas (grässlichen) ‘Fruchtsirup’, ähnlich dem Zuckersirup in eingedosten Früchten, meist sehr hübsch (künstlich) gefärbt und mit einigen (Büchsen-) Früchten dekoriert (die man aber scheinbar nicht isst).
- zum Abendessen: Ein kleiner russischer Salat, ein süsses Gebäck und eine Tasse Schwarztee.

Die Buchhaltung meldet also vier Arten von Fleisch mit drei verschiedenen Beilagen, kein Gemüse, eine Art Salat und drei verschiedene Getränke plus drei weitere Frühstücks-Bestandteile. Der Winner dieser zehn Tage waren ganz klar die Hackfleisch-Bällchen, welche uns sechs mal aufgetischt wurden, gefolgt von den Hühner-Beinen mit fünf Punkten. Und wir haben dem Koch drei Mal applaudiert dafür!

Vieles in diesem Lager hatte für mich (als Schweizer) einen ziemlich sovjetischen Beigeschmack. Von der Umgebung über die Inneneinrichtung, das Personal, das Essen bis zu den ‘Präsidentschaftswahlen’, wo die Kinder einen Präsidenten für ihre Unterrichtsgruppen wählten. Ein-Kandidaten-Wahlen mit kleinem Wahlkampf, bei denen der Kandidat ein völlig überzeichnetes, unrealistisches Traum-Programm präsentierte und trotzdem beklatscht und nach dem Wahlsieg abgefeiert wurde, als ob er in sich gegenüber einem Konkurrenten profiliert hätte. Ja klar, es sind nur Kinder. Aber würden dies Kinder zuhause auch so machen? Nach der erfolgreichen Wahl mussten die Sieger in einer recht bürokratischen Prozedur auf ein Wörterbuch schwören und einen Vertrag unterschreiben. Danach erhielten sie für null Arbeit eine Menge ‘Lagergeld’ ausbezahlt, mit welchem sie sich Dinge kaufen oder Minister anstellen konnten. Ganz wie im richtigen Leben halt.

Nun, für mich war dieser Ausflug interessant aber auch sehr anstrengend - Programm von acht Uhr morgens bis elf Uhr nachts und danach noch stundenlange Besprechungen für den nächsten Tag. Was mich neben dem ganzen ‘Bonzen unterhalten’ Aspekt genervt hatte, war die Fotografier- und Dokumentationswut der LeiterInnen, welche wirklich jeden Furz der Kleinen ein Dutzend mal abfotografierten, so dass man das Gefühl kriegte, dieses Lager und die kleinen Konzerte würden nur veranstaltet, um Fotos davon machen zu können, mit welchen man danach wieder neue Kinder in ein Lager locken kann. Eine sehr positive Erfahrung hingegen waren die meisten Kinder, welche trotz Geld im Rücken und vollem Stundenplan fast immer fröhlich und voller Energie rumhüpften. Ausserdem zeigten sie in einer Parodie-Show am letzten Abend, dass sie das ganze nicht so ernst nahmen, wie man zwischendurch hätte meinen können. Recht scharfzüngig wurden Leiterinnen, Kinder und Einzelheiten aus dem Lagerleben auf die Schippe genommen. Aber eben: mit einem bisschen Geld im Rücken ist man einfach leichter locker und lustig. Nein echt, so eine Verarschung!