Huch, schon vier Wochen hier??!!??

Am diesem vierten Wochenende in Samara besuchten wir endlich den ersten Club – ja, eine richtige Russendisko! – welchen wir allerdings nicht selbst ausgesucht hatten, da sich rasch zeigte, dass man hier trotz Partyfieber nicht so einfach wie zuhause via Internet rausfindet, wo der Bär tanzt. Die Partysuche musste also – wie so vieles andere! Selbständigkeit is immer noch nich wirklich… – an befreundete Russen deligiert werden.

Das Resultat: aus einem ‘ich will tanzen gehen’ wurde ein ‘wir gehen tanzen!’. Fast alle Volunteers und auch einige Russen stürmten alkoholisch gut eingestimmt (da sage einer, die Russen saufen viel….) gemeinsam den Club ‘Paljot’ (= der Flug; der Club ist irgendwie der Aerospace University Samara angegliedert). Auf den ersten Blick sieht die Disko aus wie ein beliebiger Landclub zuhause: zwei Dancefloors, mehrere Bars, billige Lightshow, mässiges Soundsystem (die Ohren dankten es). Das Publikum: eher jung (kakoi sjurpris!), nicht besonders gestylt (eher überraschend, wenn man bedenkt, wie die Mädchen hier an einem gewöhnlichen Wochentag unterwegs sind) und auch nicht besonders gutaussehend – ein eher rauher Haufen. Anfangs lief alles recht gesittet ab. Man bewegte sich wie zu Hause mehr oder weniger gelangweilt zu kurioser Clubmusik (Hier vielleicht die Hedonismusdebatte andeuten, damit das nicht ganz vergessen geht. Gegenteilig zu meiner Absicht nimmt wegen der ziemlich tiefen Arbeitsauslastung und der kuriosen Arbeitszeiten – 15h bis 20h – ‘Vergnügen’ einen sehr wesentlichen Teil meiner Zeit hier ein.). Frenchhouse ähnliche Tracks und viele grausige Eurodance Style Remixe von allem möglichem (von Prodigy bis Nirvana – eine Schamgrenze scheint es für die Producer hier nicht zu geben!). Zwischendurch immer wieder mal Festhütte Rüeggerholz mässig ein langsames Stück, zu welchem wie vor 15 Jahren geschlossen getanzt wird – erfrischende Abwechslung! Um zwei Uhr wurde dann der Haupt-Dancefloor zugunsten eines echt miesen Talent-Wettbewerbs geräumt: Schlechte Tanz-Nummern folgen auf E-Gitarren Techno und Vorschul-Rap. Pfui!

Wir wechselten also für den Rest der Nacht auf den Oldie Dancefloor, welcher Hotel-Disco-Bar-Style gut ausgeleuchtet (man denke z.B. an Hotel Säntis in Unterwasser) Hits der letzen 50 Jahre in fast Zimmerlautstärke spielte: Adriano Celentano, Vanilla Ice, Dr. Alban und russische Schlager wechseln sich ab. Ganz lustig im Prinzip. Da die neugierigen Russen schnell merkten, dass wir Ausländer sind, erhielten wir etwas mehr Aufmerksamkeit, als uns lieb war. Ständig hielt man uns Vodka oder Bier hin, wollte uns kennenlernen oder anfassen (im Ernst!). Vor allem die meist nicht gerade gut aussehenden russischen Männer – die armen hübschen russischen Mädchen! – verhalten sich ziemlich forsch und fordernd. Da sich die Russen in Clubs scheinbar nicht wie die Westeuropäer (oder sind das nur die Zürcher?) mit Drogen aller Art sedieren, dafür umso mehr dem Alkohol zusprechen, schwappte immer mal wieder eine ziemlich aggressive Welle durch den Raum. Die Security Leute schlichteten aber die meisten Schlägereien relativ erfolgreich und von uns bekam niemand was ab (zumindest keine Aggressivität).

Nach einer zu kurzen Nacht rief Samstag Mittag meine Bekannte Dina an und gab mir 20 Minuten, um sie und ihre Freunde beim Busstopp in der Nähe zu treffen und für ein ‘Barbeku’ aufs Land zu fahren. Da dieser Ausflug irgendwodurch abgemacht war, wenn auch nicht in solch spontaner Manier, blieb mir nichts anders übrig, als schlaftrunken aus dem Haus zu torkeln und sie zu treffen. Eigentlich hätte ich nachmittags arbeiten müssen, sagte das aber kaltblütig fünf Minuten vor dem abgemachten Treffpunkt ab – war sicher nicht so wichtig (siehe auch Sonntag).

Gemeinsam mit Sorok und Lisa, beide wie Dina Ärzte, fuhren wir also ins Grüne an einen Seitenarm der Volga, etwa eine Stunde von Samara entfernt. Sorok ist wie alle russischen Männer ein leidenschaftlicher Fischer und trägt für alle irgendwie mit der Natur verbundenen Tätigkeiten gerne Tarnfarben-Klamotten. Er fischte den ganzen Nachmittag ruhig aber erfolglos vor sich hin, während ich mit den Mädchen spazierte, mit dem Hund (Silver) spielte und Tee trank.

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Abends empfingen wir einige andere Volunteers in unserer Wohnung zum fast schon traditionellen Filmabend (Storytelling von Todd Solondz). Sander und ich wohnen als einzige nicht in einer Gastfamilie und ziemlich zentral, weshalb wir etwas die Funktion einer Rückzugsstätte wahrnehmen – ‘it’s the party apartement! (Sander).

Sonntag war erneut Arbeit angesagt. Pflichtbewusst traffe ich diesmal zur abgemachten Zeit (12:45!) im Stadtzentrum ein, nur um danach den genau gleichen Weg wieder zurückzufahren und ein einem Park bei mir in der Nähe andere Arbeitskolleginnen und ein paar Fremdsprachen-Studentinnen zu treffen. Langsam tröpfelten eine nach der anderen herein – die Zeit vertrieben wir uns in russischer Manier mit irgendwelchen Spielchen. Im Park in einem Kreis stehen und einen Satz auf russisch lauter als der Nachbar brüllen, bis allen die Puste ausgeht – zuhause würde man für sowas vermutlich verhaftet oder erregte zumindest einiges an Aufsehen. Hier jedoch scheint sich niemand daran zu stören. Irgendwann wurde dann klar, dass der eigentliche Zweck des Nachmittags, nämlich Schulkinder in einem Postenlauf auf ein Sprachlager vorzubereiten, in die Hosen gegangen ist, weil jemand vergass, die Kinder (eine Schulklasse?) einzuladen. Prima Organisation!

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