Eine Woche Samara

Mein neues Haus Gestern (Sonntag) Abend von Pavel, Dima und Natascha in meine neue Wohnung gebracht worden. Die Besichtigung am Abend zuvor mit Olga, Elena und Ivan wurde als Kulturschock angekuendigt, die Wohnung ist, wenn auch nicht gerade eine Luxusbude, doch in einem weit weniger schlimmen Zustand als gedacht. Unter ‘unbewohnbar’ verstehe ich immer noch etwas ganz anderes. Ausserdem: ein Haus ist kein Heim, wenn niemand drin ist. Okay, etwas uebertrieben, gibt schliesslich noch andere Bewohner. Ich bin in Wohnung Nummer 104 eines ca. 12-stoeckigen, riesigen Wohn-Riegels untergebracht – eine Einzimmer-Wonung in Stock 7, wenn ich mich recht erinnere. Wohl hunderte von Wohnungen in diesem Ding. Mein Eingang ist der zweite von vermutlich ueber einem Dutzend. Keine Ahnung, wer sonst noch so in diesen Haeusern lebt, da die Briefkaesten nach russischer Art nur mit den Wohnungs-Nummern angeschrieben sind.

Eingang des Hauses Das Haus (Nummer 42) selbst liegt an einer ruhigen, gruenen (viele grosse Baeume!) Nebenstrasse, welche von einer achtspurigen, mit Werbe-Bannern und Leuchtreklamen verunstalteten Durchgangsstrasse abzweigt (Novo Cadobaja). An dieser recht hektischen Strasse – man faehrt hier 100 innerorts – gibt es verschiedene 24h Laeden (Apotheke, Schnaps-Buden, Spielsalons) und ein paar mittelgrosse Supermaerkte – ziemlich praktisch. Das ‘Quartier’ ist nicht ganz so dunkel, wie jenes, in dem Pavel wohnt, und die Orientierung viel einfacher. Ich muss aber trotzdem aufpassen, dass ich nachts nicht auf die Fresse falle wegen der vielen Schlagloecher, welche im Dunkeln einfach unsichtbar sind. Die Aussicht vom Balkon (ha!): weitere Wohnblocks unterschiedlicher Bauart (sprich Haesslichkeit), ein kleiner Tennisplatz und irgendwo ein Eckchen Wolga, welche etwa 300 m entfernt ist. Der Wohnblock ist innen etwas ungewohnt (sprich miefig) gestaltet, die Wohnung aber eigentlich okay. sowjetisches Einsender-Radio, Kuehlschrank, Gasherd, Badezimmer und fuenf verschiedene gemusterte Tapeten: alles vorhanden. Leider gibt es bis jetzt kein warmes Wasser, was schon ziemlich nervt. Auch muss man immer aufpassen, dass immer alle Warmwasserhaehne richtig zugedreht sind, wenn man sie wieder mal hoffnungsvoll fuer einen Testlauf aufgedreht hat – susch haesch daenn d’Sauerei, sollte das Wasser doch noch irgendwann kommen.

Die Kueche Nach ruhiger erster Nacht – allein – am neuen Ort, dann erneut volles Programm bei den Swallows. Russischstunden, eine Information ueber AIDS (siehe auch hier), wie jeden Tag bisher Mittagessen in einem georgischen (grusinski) Restaurant, welches eine ziemlich eingeschraenkte Menukarte hat, aber immerhin taeglich eine vegetarische Alternative hinkriegt, gefolgt von weiteren Russischlektionen. Wirklich knallhart, dieses Einfuehrungsprogramm ohne einen einzigen Ruhetag! Am Abend gehen Joshua (England), Sander (Belgien) und ich mit Roman, einem russischer Studenten Fussball spielen. Das Spiel findet auf einem staubigen Platz in einem verlassenen Stadion in der Naehe des Tramdepots statt – ueber eine fuenf Meter hohe Mauer klettern inklusive. Sehr atmosphaerisch das ganze, mit halbfertigen Hochhaeusern, einer orthodoxen Kirche und wuchtigen Industriebauten in der Umgebung. Wir spielen im ‘russischen’ Team gegen ‘Georgier’, wenn ich das richtig verstanden habe, uns es wird uns gesagt, wie wichtig es sei, dieses Spiel zu gewinnen. Bei allem Ernst ist das Spiel halb so wild und ziemlich gesittet. Wir gewinnen 3 zu 1. Das Spiel wird erst abgebrochen, wenn man den Ball auch aus drei Metern Entfernung nur noch knapp erahnen kann.

Mein Zimmergenosse Sander Erneut sind wir als Auslaender aeusserst freundlich und interessiert aufgenommen worden. Schon erstaunlich, welche Aufmerksamkeit man hier erhaelt, nur weil man aus Westeuropa ist. Wenn jemand bei uns so daher stammelt, wie wir es im Moment noch tun, ist er ein dummer, ungebildeter Arsch – hier fast ein Star (siehe Fratzen des Teufels). Hat seine positiven Seiten (Schonung, z.B.), nervt aber generell ziemlich. Wer will schon die reiche Prinzessin aus der Schweiz sein, und darum (nur darum!) auf Haenden getragen werden? Zum Glueck sehe ich – wie vielfach angemerkt – aus wie Russe und bleibe gewoehnlich von solcher Exposition verschont, solange ich die Klappe halte. Trotzdem: danke an die russischen Freunde fuer die sehr wohlwollende Aufnahme!

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