Di 20 Sep 2005
Der erste Tag
Geschrieben von Alexander unter News
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Am ersten Morgen in Samara reicht mir der Papa, welcher nur Russisch spricht (guet Nacht!), Teigwaren, Spiegelei, Pilze, einen Salat (Karotten mit Randen? Jedenfalls pas mal…) und Schwarztee zum Fruehstueck. Er sitzt stilecht im Tarfarben-Anzug vor dem TV und fuehrt diverse Telefone – irgendwie bekam ich die Idee, dass er was reparieren lassen wollte. Draussen scheint die Sonne, im Quartier scheint nicht gerade viel los.
Sehr wenig Verkehr, wenige Fussgaenger; die vielen Baeume um das Haus – sieht aus, als ob wir im Wald wohnen wuerden – sind herbstlich gefaerbt, im Hinterhof spielen Katzen. Idyllisch irgendwie. Erst mal das heruntergekommene Treppenhaus hinter sich gelassen, ist die Wohnung selbst eigentlich recht gemuetlich und sauber, wenn auch durch grauenhaft gemusterte Vorhaenge, Bettdecken, Tapeten, Teppiche und Sofas etwas anstrengend – optisch. Ich werde in meinem Zimmer ein weisses Blatt Papier aufhaengen, um meine Augen etwas ausruhen zu koennen.
Spaeter ruft Olga (welche sich als Boss von ICYE Russland herausstellt) an und meint, ich haette heute kein Programm und koennte etwas rumhaengen und fernsehen. Das Resultat: ich verbringe den Nachmittag eingeschlossen (Sicherheit ist alles!) in der Wohnung, penne, trinke Schwarztee und lulle mich mit russischem TV ein. Um vier kommt der Bruder zurueck (ich glaube, er heisst doch Pavel) mit einem Freund (Dima). Wir haengen also zu dritt im kleinen Zimmer – ich am tippen, sie am raubkopierte Software ausprobieren (AutoCAD 2006). Spaeter will mir Dima, der nur sehr wenig Englisch spricht, Russisch beibringen – traumwandlerisch stolpern wir beide zwischen den beiden Sprachen hin und her, was ziemlich unterhaltsam ist.
Irgendwann bringen wir den Papa an den Bahnhof; er geht einen Bruder besuchen und muss dafuer zwei Tage Zug fahren. Zum Bahnhof kommen wir mit Dimas superfettem BMW: mit 90 durch die Plattenbauten brettern, russischen Hip hop als Soundtrack. Coole Sache Mann! Warum hat der Kerl – er ist 21 – bloss so eine Luxuskarre? Dimas Lieblingssong handelt von illegalen Strassenrennen, und wie es scheint, ist ein groesseres solches anfangs Oktober in Samara angesagt. Einladung? Na klar geh ich da auch hin! Kurz bevor mir schlecht wird, sind wir am Bahnhof, einem modernen, super-uebertriebenen Glaspalast von unmoeglicher Form mitten in einem nicht so schicken, aelteren Quartier. Drinnen schwindelerregend verwirrende Treppen und offene Stockwerke und jede Menge Spielautomaten (und bewaffnetes Sicherheitspersonal).
Den Papa abegeladen treffen wir die Mitarbeiter von ICYE und die andere Volunteers – doch eine rechte Handvoll: vier Deutsche, zwei Spanier, ein Englaender, eine Schwedin, ein Belgier, Nadine und ich (und es scheinen noch mehr zu kommen). Es gibt Borschtsch, russischen Salat und Fisch mit Kartoffeln zum Abendessen. Dazu lokales Bier frisch aus der Brauerei – hat einen ziemlich fiesen Nachgeschmack. Im Kiosk gibt es gluecklicherweise mindestens 20 weitere Biersorten… Spaeter fahren wir mit einem Minibus zurueck nach Hause, wo Dima wieder zu uns stoesst. Wir hoeren russische Musik, welche sie mir uebersetzen und versuchen, uns zu verstaendigen. Dann kommen die Freundinnen (Mascha und Natascha) der beiden Jungs, welche wie Dima Architektur studieren. Bei offenem Fenster paffen sie Zigaretten – der Papa hasst scheinbar rauchen und darf das nicht merken – sehr huebsch diese Szene (sie sind alle 21!). Und erneut hoepfen wir von Wort zu Wort und versuchen zu verstehen, was die anderen erzaehlen. Hoffentlich schubladisiert mein Hirn die vielen russischen Woerter von heute am richtigen Ort!