Der Adler ist gelandet

Nadine und ich am Flughafen SamaraNach einer bemerkenswert unkomplizierten Immigration – bemerkenswert auch in Anbetracht der doch recht aufwendigen Visa-Prozedur – die ersten Schritte auf russischem Boden auf der Suche nach dem Transfer-Bus zum zweiten Internationalen Flughafen Moskaus (Scheremetewo). Die ueblichen (genau, ueblichen, keine Umlauts hier) Haendel mit Taxifahrern waren die erste Gelegenheit, jemandem ein paar Brocken Russisch an den Kopf zu werfen. Die anschliessende Busfahrt fuehrte uns auf der Ring-Autobahn am Stadtrand entlag vom suedlichen zum noerdlichen Ende Moskaus. Die Szenerie war gepraegt von vielen kleinen Bunten Datschen, monstroesen Plattenbau-Siedlungen (gibt scheinbar keine Baubewilligung unter 30 Stockwerken und wenn man nicht mindestens fuenf mal das gleiche Gebaeude nebeneinander stellt) umgeben von wilden Buschlandschaften, Weihern und kleinen Birkenwaeldchen – eine kuriose Mischung: Bausuenden direkt neben Gruenflaechen, welche ob der Natuerlichkeit in der Schweiz vermutlich zu Naturschutzgebieten erklaert wuerden. Zwischendurch auch zwei, drei Mal ein riesiges Kraftwerk in nicht besonders vertrauenserweckendem Zustand. Entspricht doch tip-top dem Bild, welches man von Russland eben so hat.

Im noerdlichen Teil der Fahrt haeufen sich dann riesige Einkaufzentren und Multiplex-Kinos а la americaine. Architektonische Skurilitaeten zu hauf – eine solche Ballung von Geschmacklosigkeiten hab ich sonst noch nirgends gesehen! Wenn man allerdings einberechnet, dass sich in der Bauweise eines Gebaeudes meist der Charakter oder die Psyche des Bauherren spiegelt, koennte es wieder interessant werden. Ja vielleicht gefaellt diese Art von Architektur am Ende sogar den Leuten, welche diese Gebaeude benutzen – was dann? Kurz: die Fahrt war interessant. Nach anfaenglicher Verwirrung am zweiten Flughafen, welcher sich auf zwei weit auseinaderliegende Gebaeude aufgeteilt herausstellte, erneuten (fruchtlosen) Verhandlungen mit Taxifahrern und peniblen Sicherheitskontrollen (Terror-Gefahr) inkl. Schuhe ausziehen konnten wir den kurzen Flug nach Samara antreten. Wie erwartet knallte der Pilot die Maschine wenig elegant auf die Piste und dann: voll auf die Kloetze. Geklatscht hat niemand, aber wir waren froh, endlich anzukommen.

Russisches EssenSamara international Airport erweist sich als effizente kleine Bretter-Baracke mit Gepaeck-Foerderband, wo uns auch schon ein vielkoepfiges Empfangs-Komittee erwartet. Grosses Hallo, lustige Sprueche und viele Namen, welche in der Muedigkeit untergehen. Danach ein zweites Mal die Bestaetigung, dass in Russland Raum vorhanden ist: eine rasante (naechtliche: es ist 1 Uhr Ortszeit) Fahrt in die Stadt durchs Gruene und spaeter durch doerflich aussehende Siedlungen. Der Chauffeur ist Ivan, der Bleibstiftsammler. Er ist 36, seit fuenf Monaten verheiratet, seit drei Monaten Vater einer Tochter und eigentlich ganz nett. Man sagt mir, er sei mein Mentor – was auch immer das bedeuten soll. Nach etwa einer Stunde werde ich irgendwo in Samara in einem ausserordentlich gruenen Stadtteil abgeladen und dem Bruder (Andrej – oder war es Pavel? Er scheint auf jeden Fall sympathisch und Anfang 20ig) einer Mitarbeiterin (Olga) von ICYE Russland uebergeben. Irgendwas scheint mit dem Ort, wo ich eigentlich wohnen sollte, nicht in Ordnung zu sein, weshalb ich die ersten paar Tage bei Andrej und seinem Vater (ohne Namen) verbringen soll – ‘Hans was Heiri’, wuerde ich sagen.

Andrej offeriert mir einen Schwarztee, marinierte Pilze, sehr salzige, gebratene Gemuesestreifen (wir kцnnen uns nicht darauf einigen, ob es Aubergine, Zucchini oder vielleicht doch was ganz anderes ist) und Brot als nach-mitternaechtlichen Snack und uebergibt mir dann sein kleines Zimmer – er selbst schlaeft im Wohnzimmer. So mueses si!

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