So 11 Sep 2005
Metal eine Woche vorher
Geschrieben von Alexander unter Philosophie
Nach erstaunlich unbürokratischem Abmeldeprozedere, welches in eigentlich fast enttäuschend unschweizerischer Einfachheit auf die sonst so gerne exerzierte misstrauische Fragerei (und auch auf Datamining-Eskapaden) verzichtete - warum fragte mich bloss niemand nach den Gründen für die Abreise aus der Schweiz? Das wird doch denen nicht etwa egal sein! - hat sich für mich eine Woche vor der Abreise ein - ein, genau, nicht DER - Kreis geschlossen: ich bin wieder bei meinen Eltern eingezogen.
Vor fünfeinhalb Jahren mit Bett, Komode, Computer, Stereoanlage und einer bescheidenen Plattensammlung ausgezogen, heute ein paar Kubikmeter Material und eine halbe Gärtnerei zurückgebracht. Völlerei und Wertanhäufung in Reinform! Die NZZ (als mein ökonomisch-moralischer Referenzpunkt) hätte sicherlich Freude (wohl nur eine bescheidene zwar, aber immerhin…) an ihrem verlorenen Abonnenten (das ‘Sohn’ konnte ich mir ganz knapp verkneifen…). Nun, ich denke, man kann sicherlich davon ausgehen, dass dies nur ein kurzer Zwischenstopp vor weiteren Raubzügen ist - vor viel ausschweifenderen Raubzügen natürlich, welche zu noch unverschämterer Vermehrung führen werden (hier wieder die Hedonismusdebatte einfügen - ich werde versuchen, im Laufe des nächsten Jahres davon Abstand zu nehmen!). Schon klar.
Apropos Abstand nehmen: neben Tasche packen steht mir diese Woche vor allem eines bevor: vielen Leuten ein letztes Mal die Hand zu schütteln und nach einem Klapps auf die Schulter für längere Zeit ‘Tschüss’ zu sagen - einigen vielleicht für sehr lange. Auch wenn ich selbstverständlich - bin schliesslich auch als baldiger Auslandschweizer immer noch den kühlen helvetischen Idealen verpflichtet: bloss keine Tränen, keine Küsse, keine Umarmungen! - die Contenance möglichst zu wahren versuchen werde, wird dies kein einfacher Gang für einen solch grässlich sentimentalen Hund wie mich. Nach einem Durchhänger am Sonntag musste ich alle auch nur ansatzweise sentimentale Musik - vor allem den geliebten Bonnie ‘Prince’ Billy - von der Playlist der nächsten Tage streichen. Mit einem ipod voller Metal in Griffnähe (Botch, Converge, Dillinger Escape Plan…) versuche ich nun, die noch verbleibende Woche voller ‘Lebewohls’ einigermassen standhaft hinter mich zu bringen. ‘I’m such a girl!’, das weiss ich schon. Gibt schliesslich einen Grund, warum mir der melancholische Russe um einiges näher steht als z.B. der lebenslustige Kubaner.
