Sa 15 Jul 2006
Auf vier Rädern durch Samara
Geschrieben von Alexander unter Fotos, Verkehrsmittel
Seit GTA jedem klar: Für den Charakter einer Stadt ist neben den kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Gepflogenheiten deren Bewohner, der Architektur und Stadtplanung sowie der Stadtökologie vor allem eines bestimmend: die öffentlichen und privaten Verkehrsmittel.
Samara hebt sich anhand dieser Kategorisierung in jeder Hinsicht von einer Schweizer (oder westeuropäischen) Stadt ab. Die öffentlichen Verkehrsmittel habe ich hier schon vorgestellt, darum widme ich mich in diesem Beitrag ausschliesslich dem Privatverkehr.
Was einem in den Strassen Samaras sofort ins Auge sticht, ist der hohe Anteil russischer Autos. In zwei Verkehrszählungen (Resultate im Detail siehe ganz unten) bestätigte sich dieser Eindruck: von total 671 Fahrzeugen waren 557 russischen Ursprungs, das sind 83%. Den Löwenanteil stellte dabei die Marke Lada mit 403 Fahrzeugen (60%). Was den Eindruck der Einheitlichkeit noch verstärkt ist die Tatsache, dass vier Automodelle mehr als zwei Drittel aller Fahrzeuge ausmachten. Dies sind der Lada Samara (20%), die Lada 11er Modelle (18%), der klassische Lada Schiguli (14%) und der GAZ GAZel (die Marschrutka; 14%).
Natürlich gibt es auch bei russischen Fahrzeugen diverse verschiedene Modellevarianten und -generationen. Diese unterscheiden sich aber äusserlich meist nur geringfügig. Das Aussehen der Lada Schiguli Modelle beispielsweise blieb über Jahrzehnte sehr ähnlich. Im folgenden kurze Beschreibungen der russischen Autohersteller und deren wichtigste (zeitgenössische) Modelle.
AvtoVAZ oder kurz VAZ (Volga Avtomobilny Zavod, russisch für ‘Volga Automobil-Werk’) mit Sitz in Togliatti, gegründet 1966. Togliatti, nahe Samara gelegen, wurde für die Lada-Fabrik stark ausgebaut und nach einem ehemaligen Führer der italienische Kommunisten benannt; wohl auch, um eine Verbindung zur Lizenzierung italienischer Technik herzustellen. AvtoVAZ ist Hersteller der Marke Lada (früher ‘Schiguli’) und grösster Produzent von Personenkraftwagen in Russland (rund 1% Anteil am russischen BSP) und Osteuropa. Lada bietet heute sechs verschiedene Automodelle an: den Schiguli, den Samara, die 11er Modelle, den Geländewagen Niva, den Kleinwagen Kalina und den Kleinstwagen Oka.
Als erster Lada wurde ab 1970 der Schiguli (so heisst die Hügelkette zwischen Samara und Togliatti) produziert, welcher vom Fiat 124 abgeleitet wurde. Die ursprünglichen Modelle wurden 1979 durch eine neue Generation der Limousine (Modell 2105) abgelöst. 1982 erfolge die Einführung des Spitzenmodells 2107 und 1984 des Kombis 2104. Der 2105 und der 2107 sind heute noch mit äusserlich nur wenigen Veränderungen im Angebot.
Der Samara wurde 1984 eingeführt, wobei zuerst der Name Sputnik vorgesehen war. Diese Bezeichnung ist kurioserweise auch heute noch bei vielen Samaras in kyrillischen Buchstaben ab Werk angebracht, obwohl der Wagen auch in Russland nur unter dem Namen Samara bekannt ist. Den Samara gibt es mit Stufen- und Fliessheck sowie seit 1990 als Pickup unter dem Namen Lada Chelnok.
Seit 1995 sind die 11er Modelle im Angebot, und zwar als Stufenheck-Limousine (2110), Kombi- (2111) und Fliessheck- (2112) Version.
Der Lada Niva (auch Lada 2121, Produktion seit 1977) ist ein Offroad-PKW mit permanentem Allradbetrieb. Er ist dank einfacher Technik und magerer Ausstattung der mit Abstand preisgünstigste Geländewagen in Europa und wird neu bereits unter 8000 Euro angeboten, also zum Preis eines Kleinstwagens. Durch die einfache Technik ist er sehr robust.
Der Lada Kalina ist 2005 vorgestellter Kleinwagen, nicht unähnlich dem Daewoo Matiz.
Der Oka ist ein nach Vorbild des Daihatsu Cuore seit 1987 hergestellter, äusserst billiger Kleinstwagen. Im Volksmund heisst der Oka ‘Todeskapsel’ wegen seiner miesen Resultate in Crashtests.
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
GAZ (Gorkowski Avtomobilny Zawod, russ. für ‘Gorki Automobil Fabrik’) mit Sitz in Nizhnij Novgorod (früher Gorki genannt), gegründet 1932 als Resultat des ersten Fünfjahrplans der Sowjetunion, welcher GAZ als Produzent von Lastwagen und grösseren Personenwagen vorsah. Die ersten Produktionsanlagen stammten interessanterweise von der amerikanischen Ford, welche auch die Pläne für die Lizenzproduktion der ersten Modelle, zu Beginn hauptsächlich Lastwagen, lieferte. Erst nach 1945 entwickelte GAZ eigenen Modelle. Heute ist GAZ Hersteller der Limousine Volga (der russische Mercedes; Neupreis allerdings nur rund 6000 Euro / 10000 CHF), der Lieferwagen GAZel (Gazelle) und Sobol (Zobel), verschiedener militärischer und ziviler Lastwagen sowie des SUVs Tiger, einem riesigen, vom amerikanischen Hummer inspirierten Ungetüm von einem Jeep (Neupreis ab 58’000$; Hummer H1: 140’000$).
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
UAZ (Ulyanovsky Avtomobilny Zavod, russ. für ‘Ulyanovsk Automobil Fabrik’) mit Sitz in Ulyanovsk, gegründet 1941 ist Hersteller des klassischen, russischen Geländewagens UAZ-469 (Produktion seit 1965, bis Ende der 1980er Jahre nur für die Armee; seit Mitte der 1990er als UAZ Hunter vermarktet), des Lieferwagens UAZ-452 (in Produktion seit 1966) und neu des SUVs UAZ Patriot (seit 2005; Neupreis rund 11000 Euro / 17000 CHF).
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
AZLK (Avtomobilny Zavod imeni Leninskogo Komsomola, in etwa ‘Automobil Werk Lenins Kommunistischen Jugendverbandes’) mit Sitz in Moskau, gegründet 1930, Konkurs 2006. AZLKs Rolle im Sovjet System war die Produktion von kleinmotorigen Personenfahrzeugen (gleich wie AvtoVAZ). Ab 1939 wurden Fahrzeuge unter dem Namen Moskvitch (der Moskauer) verkauft.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden als Reparation die gesamten Fertigungsanlagen für den Opel Kadett von Rüsselsheim (Deutschland) nach Moskau verlegt, wo 1947 die Produktion für den auf dem Kadett basierenden Moskvitch 400 anlief. Einige Moskvitsch Modelle wurden später auch in Ischewsk gebaut, man erkennt diese am ‘ISCH’ Symbol an der Front. Der Moskvitch wurde bis 1998 in zehn verschiedenen Modellen (fünf Generationen) hergestellt: mit Stufenheck, als Kombi, als Lieferwagen und, basierend auf einem Talbot, mit Fliessheck.
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
KAMAZ (Kamskii Avtomobilny Zavod, russ. für ‘Kamskische Automobil Fabrik’) mit Sitz in Nabereschnyje Tschelny, gegründet 1969 ist Hersteller der KAMAZ Lastwagen, aber auch von Dieselmotoren, Autobussen und Panzern. ‘Kamaz’ wird im Russischen als Synonym für Lastwagen verwendet. Tatsächlich stammen die meisten Lastwagen auf den Strassen Samaras von KAMAZ, weit weniger von GAZ, ZIL, der weissrussischen MAZ oder anderen ausländischen Marken.
ZIL (Zavod Imeni Likhacheva, russ. für ‘Fabrik Likhacheva’) mit Sitz in Moskau, gegründet 1916 als Avtomobilnoe Moskovskoe Obshchestvo, ‘Moskauer Automobil Gesellschaft’, umbenannt 1931 zu Zavod Imeni Stalina, ‘Fabrik Stalin’ und 1956 im Zuge der Entstalinisierung zu ZIL (Ivan Alekseevich Likhachev war ein ehemaliger Direktor des Unternehmens). ZIL produziert heute vor allem Busse und Lastwagen, aber auch gepanzerte Militär- und Zivilfahrzeuge (hauptsächlich für die Regierung) und einige wenige handgefertigte Luxus-Limousinen (im Rolls-Royce Preissegment) pro Jahr. Auf der Strasse sieht man hauptsächlich den Lastwagen ZIL 130 (blau-weisser Lastwagen), den seit 1998 produzierten Lieferwagen ZIL 5301 und verschiedene Nahverkehrs-Busse.
PAZ (Pavlovsky Avtobusny Zavod, russ. für ‘Pavlov Autobus Fabrik’), mit Sitz in Pavlov, gegründet 1952. PAZ stellt Personenbusse her. Sehr häufig im Stadtverkehr ist das seit 1989 hergestellte Modell PAZ-3205.
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
Die Verkehrszählungen im Detail:
Uliza revoluzionnaja (Revolutionsstrasse; Kreuzung Dybenko), 9. Juni 2006, 13.45h bis 14.05h
Total 296 Autos (inkl. LKWs, Busse etc.), 1 Motorrad, keine Fahrräder.
Davon 241 (81%) russische Modelle, 55 (19%) ausländische; 176 (58%) VAZ (Ladas)
Modelle: Lada 11X 58 (20%), Lada Samara 57 (19%), Lada Schiguli 44 (15%), Lada Niva 11, Lada OKA 6; GAZ GAZel 39 (13%), GAZ Volga 5; AZLK 5; andere russische Personenwagen 1; russiche Nutzfahrzeuge 15
Uliza gagarina (Gagarinstrasse; Kreuzung Avrory), 15. Juni 2006, 13.02h bis 13.17h
Total 375 Autos (inkl. LKWs, Busse etc.), keine Motorräder, keine Fahrräder.
Davon 316 (84%) russische Modelle, 59 (16%) ausländische; 227 (61%) VAZ (Ladas)
Modelle: Lada 11X 66 (18%), Lada Samara 78 (21%), Lada Schiguli 52 (14%), Lada Niva 23, Lada OKA 8; GAZ GAZel 55 (14%), GAZ Volga 15; AZLK 1; andere russische Personenwagen 6; russische Nutzfahrzeuge 12.
Anmerkung nach nach einer Woche Moskau: Samara ist auch in Bezug auch Autos ganz klar Provinz. Im Zentrum der Hauptstadt verkehren schätzungsweise nur rund 30% russische Automodelle. Unter den ausländischen Modellen finden sich, anders als in Samara, auch viele westeuropäische Marken, insbesondere Mercedes.
25. Juli 2006 um 23:43
Excuse me, I cannot write in German.. ( don’t know how, still..) :)
I saw all these pictures with such a nostalgy, because I wasn’t at that land for 10 years, from the childhood… Still some relatives live there for this time.
You encouradged me to go there (to the nearby town Bezyenchuck, and samara too)
Great thanx
3. April 2007 um 22:41
Sehr schöne Seite mit vielen guten Fotos und interessanten Informationen!!!
–roro
26. Juni 2007 um 22:54
Very interesting pictures even though I can’t really read German.
23. Juli 2008 um 21:49
hallo!
schöne seite über die verkehrsmittel in samara. allerdings muss ich dich korrigieren - die metro in samara wurde nicht kurz nach dem 2. weltkrieg eröffnet, sondern am 26.12.1987. auch wenn sie manchmal schon etwas älter aussieht, als sie ist. das ist in russland oft so :)
alles gute!
peter.