Das falsche Gras angesät

Ladja ist in Samara ein Denkmal an der Volga in Form eines historischen Segelschiffs, aber auch der meines Nachbarhauses, laut Eigenwerbung das beste ‘Projekt’ Samaras 2005. Dieses Projekt ist ein aus drei Türmen bestehendes Luxus-Wohnhaus aus Glas und Beton – schicke Wohnungen für die Reichen in Toplage. Obwohl wir schon seit einiger Zeit 2006 schreiben, ist der dritte der Türme erst am entstehen und es sieht nicht so aus, als ob daraus dieses Jahr noch viele ihre teuren aber exklusive Aussichten geniessen könnten.

Was zu Beginn des Frühlings trotzdem schon angegangen wurde, war die Begrünung der Umgebung des einen schon bezugsbereiten Turmes. ‘Sieht nicht gerade hübsch aus, unser Gärtchen’, wird der Bauleiter zu seinen usbekischen oder tadschikischen Arbeitern gesagt haben. ‘Sät mal ein ein wenig Gras an, damit wir die potentiellen Kaufinteressenten nicht abschrecken.’

So grünte es bald rund um den Palast. Was dort spriesste, sah zunächst aus wie etwas lückig gesäter englischer Rasen, welcher dann bei heissem Frühsommerwetter auffallend schnell in die Höhe schoss. Nur Tage später waren die Pfänzchen dann aber eigentlich schon einiges zu gross für Poa pratensis und Konsorten und irgendwie erinnerten mich die fünfgliedrigen, fein gezackten Blätter definitv an eine andere Pflanze.


Ende Mai war dann auch ohne Bestimmungsbuch klar: ich wohnte seit kurzem tatsächlich neben Russlands grösstem öffentlichen Hanffeld. Sind die Russen weichen Drogen gegenüber etwa so liberal eingestellt? Russland ist zwar, wie letzhin ein Taxifahrer meinte, ‘das freiste Land der Welt, wo jeder macht, was er will – wann und wie ihm dies beliebt’. In Sachen Betäubungsmittel fährt Moskau jedoch immer noch einen konservativen Kurs:

“Our position concerning the issue of drug legalization is absolutely negative. It will remain unchanged regardless of any factors. We are against it,” said Assistant Director of the Commission Lieutenant General Alexander Mikhailov in his interview with “Interfax”.
Quelle: Pravda.ru, 03.02.2004.

Anfang Juni waren die Hanfpflanzen dann so gross, dass auch dem Nicht-Botaniker der Unterschied zum gewöhnlichen Gras ins Auge stechen musste. So verpetzte irgend jemand das kleine Liberalisierungswunder dann bei den Lokalnachrichten des Staatssenders Rossia, welcher letzte Woche darüber berichtete. Ein Vertreter der Baufirma konnte sich im Beitrag nicht erklären, wie der Irrtum zu Stande kam. In den 21 Jahren, die er überblicke, sei dies das erste Mal, dass so etwas vorkomme. Er versprach aber, die Pflanzen würden demnächst verschwinden.

Einge Tage später zupfte dann prompt ein Arbeiter die meisten der Pflanzen aus, nur einige wenige am Rand der Baustelle und in Gebüschen blieben stehen. Schauen wir mal, was daraus noch wird.

Ein Gedanke zu “Das falsche Gras angesät

  1. Im Namen des investigativen Journalismus testete ich die obige Hypothese im Selbstversuch und kam zum Schluss, dass der Strassenhanf Samaras etwa gleich berauscht, wie eine Tasse Lindenblütentee – was natürlich vorhersehbar war. Die Russen würden sich wohl kaum im heutigen Masse dem teuren Vodka oder Bier hingeben, wenn der Rausch überall gratis zu haben wäre…